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Anmerkungen zur Ausstellung „Ride for Justice“ an der Universität Göttingen und Kommentar zur Stellungnahme des Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus – Jachad

Mit der Eröffnung von „Ride for Justice“ im KWZ der Uni Göttingen am kommenden Sonntag setzt sich die Reihe von Ausstellungen fort, die antisemitisch intendierte Veranstaltungen in Göttingen hoffähig zu machen suchen. Nach der unsäglichen Nakba-Ausstellung sind solche Darstellungen offensichtlich durch mehr gedeckt als durch den Verweis auf die Meinungsfreiheit.

Im Rahmen zur Vortragsreihe „Ride for Justice“ im Göttinger Künstlerhaus haben Referenten wie Irene Schneider, Ekkehart Drost und Weitere keinen Zweifel daran gelassen, dass Schuldzuweisungen an Israel durchaus der Zweck der ganzen Veranstaltung sind. Die Fülle der dafür hergenommenen Darstellungsformen wird schon mühsam aufzuzählen. Aber es bleibt leider zu betonen, was sich hinter den Fotos von malenden Kindern, den Klavierkonzerten und der scheinheiligen Naivität eines Freedom-Bus verbirgt: Eine Weltsicht, in der Israel die Schuld am Leid im Nahen Osten allein aufgrund seiner Existenz trägt.

Die Mühe, diesen Sachverhalt im Detail nachzuweisen, hat sich das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus (folgend Jachad) gemacht, nachzulesen in ihrem Blogpost „diese unsägliche Antisemitismusdiskussion“. Sie wurden zum Beispiel fündig in der Anknüpfung an die Brunnenvergifter-Metaphorik durch Herr Drost. Oder auch in der Argumentationsstruktur von Frau Schneider, die vorige Ausstellungen mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit zu verteidigen wusste, um dann erst in ihrem Referat damit herauszurücken, dass der Begriff des Antisemitismus in ihrer (also der postkolonialen) Perspektive generell „nichts zu suchen“ hat.

Jachad unterlässt es sowohl dort, als auch in der folgenden Stellungnahme, das Offensichtliche auszusprechen: Dass „Ride for Justice“ eine antisemitische Ausstellung ist und ihre Betreiber und Unterstützer Antisemiten sind.

Freilich sind antisemitische Äußerungen in solchem Grad von der Meinungsfreiheit gedeckt. Dass für die Göttinger Universität nun auch die Wissenschaftsfreiheit dafür herhalten muss, der Verdammung Israels ein Dach zu geben, lässt die Mühe um Argumentationen oder Details vergeblich erscheinen. In anderen Zusammenhängen ist das Schlagwort von der Meinungsfreiheit schon länger zum Deckmantel des Ressentiments geworden ist. Offenbar bleibt das auch dem Begriff der Wissenschaftsfreiheit nicht erspart. Offenbar gewährt die vorgebliche Bindung an die Wahrheit keinen Schutz vor dieser Regression.

Dem entgegen bleibt festzuhalten, dass, wer Antisemitismus kritisieren möchte, den Begriff für die Feindschaft gegen Juden auch aussprechen können muss. Davor zurückzuschrecken, weil einem die Antisemiten, mit der Metapher einer geschwungenen Keule, Gewalt vorwerfen, ist nicht nur sachlich unangemessen. Es fällt auch in eine Form der Öffentlichkeit, die selbst Bedingung der Möglichkeit ist, dass Antisemitismus zunehmend hoffähig wird.

„Keine Bühne gegen Israel?“ – Vom Scheitern einer Kampagne

Im vergangenen Herbst mobilisierte das [a:ka] zu einer Kundgebung gegen ein Konzert des antizionistischen Musikers Gilad Atzmon beim Göttinger Jazzfestival – und scheiterte spektakulär in der öffentlichen Debatte, die sich dem Aufruf anschloss. Eine Reflexion der Kampagne trugen wir auf der Bahamas-Konferenz „Die Revolte der Enthemmten“ im Mai in Berlin vor. Hier der (redaktionall überarbeitete) Text unseres Vortrags:

Gegen den Antisemitismus kann man nicht argumentieren, weil er nicht satisfaktionsfähig ist: Jede sinnvolle Argumentation setzt einen Gegenstand voraus, der sich mit den Mitteln der Vernunft erschließen lässt; der Antisemitismus jedoch entzieht sich dem Zugriff der Vernunft, weil er seinem Unwesen nach nichts anderes ist als rationalisierter Wahn. Das ist die Erkenntnis hinter Woody Allens Bonmot, wonach in der Auseinandersetzung mit Antisemiten dem Essay der Baseballschläger vorzuziehen sei: Wo Argumente als Waffen stumpf sind, haben Waffen als Waffen die bessere Aussicht auf Erfolg – der Umgang Israels mit seinen Feinden ist dafür das beste Beispiel. Einen Nutzen für hiesige Verhältnisse liefert dieser Gedanke jedoch kaum, denn Gewalt taugt hierzulande maximal, ein paar Stiefelnazis in die Schranken zu weisen, sofern sie in Unterzahl sind. Gegen den Antisemitismus als Tendenz, im doppelten Sinne entsprungen aus Logik und Geschichte der modernen Vergesellschaftung, richten weder Argumente noch Baseballschläger etwas aus. Ein politisches Projekt, das Antisemitismus und Antizionismus praktisch entgegentreten will, kann deshalb unter gegebenen Umständen seinem Anspruch niemals gerecht werden: Es wird keine Mittel finden, seine Zwecke zu erreichen.
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Zur Kritik der Religion – Referat des [a:ka] auf der Veranstaltung zu Religions- und Atheismuskritik am 13. September 2011

„Gott ist tot“, schreibt Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft, und hält auch eine Reanimation für ausgeschlossen: „Gott bleibt tot“, fügt er hinzu. Das war 1882, und es klingt nach einem Schlussstrich. Man könnte fragen, was bleibt zu tun für die Religionskritik, wenn ihr Gegenstand seit 130 Jahren erledigt ist? Oder umgekehrt: Wenn der Gegenstand nicht erledigt ist, was ist dann dran an Nietzsches Behauptung? Mit diesen Fragen ist das Problem benannt, mit dem sich Religionskritik heute beschäftigen muss: Ihr Gegenstand ist nämlich keineswegs erledigt, doch das ändert nichts daran, dass Nietzsche recht hatte. Die Religion lebt, aber Gott bleibt tot.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, muss man erst einmal verstehen, was einen toten Gott überhaupt von einem lebenden unterscheidet. Denn es ist ja niemand gestorben, schon gar nicht der Herr über den Himmel und die Erde. Und doch beschreibt die Todesmetapher einen realen Vorgang – allerdings keinen übersinnlichen, sondern einen gesellschaftlichen: Gott war lebendig als eine Vorstellung von der Welt, die zwar nur in den Köpfen der Menschen existierte, als solche aber reale Gewalt hatte über die Gesellschaft.

Er starb, weil das Weltbild und als das Weltbild, das ihn zum Zentrum hatte, mit einer sich verändernden Wirklichkeit in Konflikt geriet und schließlich nicht mehr zu halten war. Lebendig war Gott, solange der Glaube an ihn mit der Erfahrungs- und Gedankenwelt der Gläubigen in Einklang zu bringen war; tot ist er, weil Erfahrung und Denken in der Neuzeit den Glaubensrahmen sprengten, den die christliche Lehre zusammenhielt.
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Die fabelhafte Welt der Antifa Teheran

Göttingen, die Hauptstadt des linken Provinzavantgardismus, am 8.März 2010. Ein gutes Zeichen, möchte man meinen, wenn an diesem Tag, dem internationalen Frauenkampftag, Menschen sich zusammenfinden, um den unterdrückten Frauen im Iran ihre Solidarität auszudrücken. Denn es rumorte und rumort kräftig im Iran, und all jene, die schon genug unter der repressiven Herrschaft des islamischen Regimes leiden, finden sich in einer unterstützenswerten Oppositionbewegung zusammen. Es erschien, als habe die Kreativabteilung des örtlichen UmsGanze-Ablegers, also der Gruppen redical[m] und Gegenstrom, gute Arbeit geleistet.
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The right to offend

Am Abend des 1. Januars wäre der dänische Karikaturist Kurt Westergaard um ein Haar einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Ein Attentäter war in sein Haus eingedrungen und hatte ihn mit einer Axt und einem Messer angegriffen. Westergaard und seiner fünfjährigen Enkeltochter gelang es gerade noch, sich im Badezimmer zu verbarrikadieren und die Polizei zu verständigen – die Beamten mussten den Angreifer erst niederschießen, bevor sie ihn festnehmen konnten.
Vieles spricht offenbar dafür, dass der verhinderte Mörder kein gestörter Einzeltäter ist, sondern aus politischen Motiven und mit Unterstützung aus dem al-Qaida-Umfeld handelte: Westergaard ist der Urheber einer jener Mohammed-Karikaturen aus der Jyllands-Posten, die vor vier Jahren zu einem Aufruhr unter Islamisten führten; der 28-jährige Attentäter ist ein Islamist aus Somalia und hatte mutmaßlich engen Kontakt zum dortigen al-Qaida-Ableger.
Es ist wenig verwunderlich, dass Islamisten versuchen, jene „Fatwa“, also das Todesurteil zu vollstrecken, das ihre Führer gegen die Karikaturisten der Jyllands-Posten verhängt haben. Bezeichnend ist es jedoch, dass es einem von ihnen beinahe gelungen wäre: Es ist zumindest mittelbar auch die Folge des Verrats, den die europäische Öffentlichkeit an Westergaard und seinen Kollegen verübt haben – nämlich Verständnis für den Furor der Islamisten zu bekunden, für ihre Morddrohungen gegen die Karikaturisten und für ihre Angriffe auf dänische Bürger und Botschaften, bei denen 2005 bis zu 100 Menschen ums Leben kamen.

Was in den 1980er Jahren bei der Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie noch selbstverständlich schien – dass man dem Opfer der islamistischen Drohungen Solidarität entgegenbringt und Schutz gewährt – blieb im Falle der Mohammed-Karikaturen wenigen Politikern und Intellektuellen vorbehalten. Während der im doppelten Sinne des Wortes deutsche Groß-Intellektuelle Günter Grass die Ausschreitungen als „fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat“ rechtfertigte, verteidigte die Ex-Muslimin Ayaan Hirsi Ali damals „the right to offend“ gegen eine „Religionsfreiheit“, die sich als Freiheit versteht, alle mit dem Tode zu bedrohen, die den eigenen Vorstellungen widersprechen.

Anlässlich des gescheiterten Attentats erklären wir unsere Solidarität mit Westergaard und seinen Kollegen und veröffentlichen an dieser Stelle die Karikatur Westergaards – nicht weil wir sie für besonders gelungen oder treffend hielten, sondern weil wir im Sinne Hirsi Alis das Recht, den religiösen Glauben in Frage zu stellen, als ein Recht freier Menschen verteidigen wollen. Gegen jene Gläubigen, die darauf mit Gewalt antworten, genauso wie gegen jene Haltung, die es aus Angst vor dieser Gewalt oder aus Opportunismus verbieten will.

[a:ka] göttingen, im januar 2010