Stop

Wo war eigentlich die linke Szene?

Um es gleich vorweg zu nehmen: in diesem Text geht es natürlich nicht um die Verunglimpfung derjenigen, die sich einer linken Szene zuordnen mögen und die trotz des Risikos, ihre körperliche Unversehrtheit einzubüßen, gegen die antisemitischen Pro-Palästina-Manifestationen auftraten. Dieser Text wendet sich an die zahlreichen Göttinger Stadtgruppen, die sich allesamt in ihren Selbstverständnissen gegen Antisemitismus, aber auch gegen Patriarchat und Chauvinismus, aussprechen. Wie viele Aufrufe, sich dem Mob entgegen zu stellen, kamen von diesen Gruppen? Kein Einziger.
Es ist paradox. Bei jedem Naziaufmarsch im Harzer Hinterland wird wochenlang Sturm geläutet und die Aufregung – sei es auch nur jene darüber, sich für einen gewissen Zeitraum endlich wieder etwas zu tun zu geben – ist allgegenwärtig. Beim peinlichen Stelldichein der letzten Trümmer der akademischen Rechten Europas werden in Göttingen Busse beladen und man nimmt stundenlange Fahrten nach Wien auf sich. Auch wenn man den Stadtgruppen die Berechtigung zu diesen Aktionen nicht einmal absprechen möchte, so fragt man sich reflexhaft: Warum bekommt man es nicht zu Stande, auch nur ein Wort der Skandalisierung aufs Papier zu bringen, geschweige denn einen Fuß vor die eigene Haustür zu setzen, wenn vor eben dieser eine aggressive, misogyne Männerhorde, die aus ihrem offenen Antisemitismus keinen Hehl macht, ihr Unwesen treibt?
Wo die einen, die sonst um drastische Worte nie verlegen sind, in Apathie verharren, da reihen sich die Antiimperialisten brav in den antisemitischen Mob ein und attackieren die Freunde Israels.
Über „Gründe“ dieses Nicht-Verhaltens der Stadtgruppen aus der linken Szene zu spekulieren, lenkt in erster Linie davon ab, dass es nicht darum geht, welche Ausreden sich diese dazu einfallen lassen mögen. Es geht primär darum, dass ihre derzeitige Tatenlosigkeit ein Desaster ist. Über den Charakter der pro-palästinensischen Veranstaltungen sollte man sich zumindest nicht erst seit den Ausschreitungen in Göttingen gewahr sein, an Eindrücken aus anderen Städten mangelte es auch im Voraus nicht. Die Linke blendet aber nicht nur die Bedrohung Israels durch den weltweiten Antisemitismus aus – ihre intellektuelle Bankrotterklärung – auch die akut gesteigerte Bedrohung für die Juden in Europa, die über die derzeitige „Gaza-Krise“ hinaus weist, veranlasst sie zu keiner Solidarität mit ihnen. Wenn Molotowcocktails auf Synagogen geworfen werden, wenn Juden auf offener Straße keine Kippa tragen können, da sie sich dann vor Angriffen fürchten müssen und die Linke sich dennoch heraus hält, begräbt sie ihren antifaschistischen Anspruch.
Woher sie im Einzelnen auch kommen mag, die Stille, die einen aus der linken Szene Göttingens anschreit, tritt immer dann auf, wenn dieser die eigenen Probleme und Widersprüche offenbar werden und sich dem Bewusstsein aufdrängen. Man verfällt in eine Schockstarre, die so lange anhält, bis diese Probleme fürs Erste wieder vergessen sind und man nicht weiter damit behelligt wird. Der Jubelpalästinenser, der sich in seinen Äußerungen von einem Neo-Nazi kaum und in seinem Ansinnen von diesem überhaupt nicht unterscheidet, dem man aber im Unterschied zu diesem nichts entgegen setzt, wird schon wieder verschwinden. Man muss nur lange genug Ohren, Augen und Münder geschlossen halten und der ganze Trubel wird schon vorbeiziehen, so dass man sich wieder vom unerträglich drögen Konformismus und der lähmenden, gleichzeitig verlogenen, Harmonie dieser Szene einlullen lassen kann.
Wäre man es nicht anders gewohnt, wäre man doch glatt vom Umstand verblüfft, dass die linksdeutschen Jungmänner aus Göttingen, die sich an Demonstrationen beteiligten, auf denen judenfeindliche Parolen skandiert wurden, zwar vereinzelt Ablehnung erfahren, weiterführende Konsequenzen jedoch ausbleiben. Würde sich die linke Szene ernst nehmen, müssten sich die Konsequenzen nur in Form des umfassenden Ausschlusses dieser Linken und ihrer Gruppen, die sich natürlich nicht von ihren Mitgliedern distanzierten, aus allen linken Zusammenhängen, äußern. So zu tun, als ob nichts gewesen wäre, ist die bequemere Verhaltensweise – gerade wenn man mit den Problemen sprichwörtlich Tür an Tür wohnt, sie einem ständig auf der Straße oder in der Kneipe begegnen. Bislang scheint sich nichts Anderes zu ergeben.