Aufruf zur Kundgebung am Samstag, dem 12. November 2011, um 19.30 Uhr vor dem Deutschen Theater Göttingen
Am 12. November tritt beim Göttinger Jazzfestival ein Mann auf, der in den vergangenen Jahren oft weniger durch seine Musik für Aufsehen sorgte als durch seinen Hang zur anti-israelischen Hetze: Der Multi-Instrumetalist Gilad Atzmon hat seine Band, das „Orient House Ensemble“ nach einem Hauptquartier der PLO benannt und fungiert gern als »Alibi-Jude« der antisemitischen Internationale – selbst ein potentielles Opfer antisemitischer Verfolgung, redet er bisweilen daher wie ein prototypischer Bierzelt-Antisemit. Und seine Positionen zum Nationalsozialismus sind auf den ersten Blick kaum von denen der NPD zu unterscheiden: »Der Holocaust diente dazu, die Aufmerksamkeit von den ungeheuren Verbrechen der Alliierten abzulenken. Hiroshima, Nagasaki und Dresden sind nur die Kürzel für den institutionalisierten Völkermord aus der Hand des englischsprachigen Imperiums. Der Holocaust ist erfolgreich zu einer neuen Religion gereift.«
Der Leitung des Jazzfestivals müssen Atzmons Positionen bekannt sein – sie finden sich (in sieben Sprachen übersetzt) auf seiner Internetseite, die auf der Homepage des Festivals verlinkt ist. Und auch die Jazz-Szene in Deutschland hat mit Atzmon bereits einschlägige Erfahrungen gemacht: Die Ruhr Nachrichten berichteten bereits 2005 von einem Auftritt in Bochum, bei dem er den Holocaust als »von Amerikanern und Zionisten initiierte Fälschung« bezeichnete. »Die Deutschen sollten dies endlich erkennen und sich nicht länger schuldig und auch nicht verantwortlich fühlen. ›Ihr seid die Opfer‹, meinte Atzmon.«
Angesichts solcher Thesen ist es kein Wunder, wenn Atzmon selbst den gefährlichsten Feind Israels, den islamistischen Diktator Ahmadinejad, als potentiellen Verbündeten betrachtet: »Der iranische Präsident beharrt zu Recht darauf, daß dieses historische Kapitel historisch untersucht werden muß. Das heißt zugleich, daß jedes vergangene Ereignis genauer Prüfung, Aufbereitung und Überarbeitung bedarf. ›Wenn wir uns gestatten, Gott und die Propheten in Frage zu stellen, so können wir uns ebenso gestatten, den Holocaust in Frage zu stellen.‹« Wer so spricht, will sich nicht auf jene »Kritik an der Politik der israelischen Regierung« beschränken, die verschämte Antizionisten so gern als Feigenblatt vor ihre Ressentiments halten – Atzmon sagt ganz offen, dass er nicht nur Israel abschaffen will, sondern das Judentum in seiner heutigen Form gleich mit: »Zionismus (als Ideologie), Judaismus (als Religion), Jüdischkeit (als Identität) und die Juden (als Volk) sind eng mit einander verknüpft […] die jüdischen Lobbys, jüdische Pressure-Groups und jede andere Form jüdischen Stammesaktivismus [sind] nicht von einander zu unterscheiden.«
Zwar verzichtet Atzmon auf völkische oder biologistische Argumente, doch er vertritt nahezu sämtliche Verschwörungsideologien über Israel, die der Antisemitismus in petto hat: Von der Gier getrieben, auf Kosten der Menschheit Reichtümer an sich zu reißen, vergehe sich der Staat der Juden an der ganzen Welt: »Israel ›geht es gut‹, weil es führender Händler von Blut-Diamanten ist« und sich außerdem »im Organhandel und Organraub« engagiere. Die sattsam bekannte Gleichsetzung Israels mit dem Dritten Reich liest sich bei Atzmon so: »Für mich ist der Zionismus als rassistische, expansionistische Bewegung nicht von der Nazi-Ideologie zu unterscheiden.« Und er setzt noch einen drauf: »Ich glaube, dass Israel aus einer bestimmten ideologischen Perspektive sogar weit schlimmer ist als Nazi-Deutschland, denn anders als Nazi-Deutschland ist Israel eine Demokratie, und das bedeutet, das Israels Bürger Komplizen der israelischen Greueltaten sind.« So kann man Israel noch aus seiner demokratischen Verfassung den Strick drehen.
Auch an diesem 9. November wird das Göttinger Establishment am Platz der Synagoge der von Nazis ermordeten Juden Gedenken – und drei Tage später dann auf Einladung des Jazzfestivals einen Mann bejubeln, der nicht nur die Mörder der einstigen Juden für Opfer eines alliierten Kriegsverbrechens hält, sondern auch das Gros der heutigen Juden für Komplizen einer zionistischen Weltverschwörung. So wahnwitzig diese Vorstellung ist, so real ist die Komplizenschaft, in die sich die Leitung des Göttinger Jazzfestivals begeben hat: Sie weiß, wofür Gilad Atzmon steht, sie hat ihn nicht aus Unkenntnis eingeladen – es ist ihr zumindest gleichgültig, einem Hetzer gegen Israel den Roten Teppich auszurollen.
Wenn Argumente nicht helfen, weil sie an Schamlosigkeit abgleiten, hilft nur der Aufruf zum Boykott: Atzmon soll, wenn er spielt, vor leeren Rängen spielen. Sollte er ein Publikum finden, das ihn feiert, wäre das der politische Bankrott der Göttinger Kulturszene.
