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The right to offend

Am Abend des 1. Januars wäre der dänische Karikaturist Kurt Westergaard um ein Haar einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Ein Attentäter war in sein Haus eingedrungen und hatte ihn mit einer Axt und einem Messer angegriffen. Westergaard und seiner fünfjährigen Enkeltochter gelang es gerade noch, sich im Badezimmer zu verbarrikadieren und die Polizei zu verständigen – die Beamten mussten den Angreifer erst niederschießen, bevor sie ihn festnehmen konnten.
Vieles spricht offenbar dafür, dass der verhinderte Mörder kein gestörter Einzeltäter ist, sondern aus politischen Motiven und mit Unterstützung aus dem al-Qaida-Umfeld handelte: Westergaard ist der Urheber einer jener Mohammed-Karikaturen aus der Jyllands-Posten, die vor vier Jahren zu einem Aufruhr unter Islamisten führten; der 28-jährige Attentäter ist ein Islamist aus Somalia und hatte mutmaßlich engen Kontakt zum dortigen al-Qaida-Ableger.
Es ist wenig verwunderlich, dass Islamisten versuchen, jene „Fatwa“, also das Todesurteil zu vollstrecken, das ihre Führer gegen die Karikaturisten der Jyllands-Posten verhängt haben. Bezeichnend ist es jedoch, dass es einem von ihnen beinahe gelungen wäre: Es ist zumindest mittelbar auch die Folge des Verrats, den die europäische Öffentlichkeit an Westergaard und seinen Kollegen verübt haben – nämlich Verständnis für den Furor der Islamisten zu bekunden, für ihre Morddrohungen gegen die Karikaturisten und für ihre Angriffe auf dänische Bürger und Botschaften, bei denen 2005 bis zu 100 Menschen ums Leben kamen.

Was in den 1980er Jahren bei der Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie noch selbstverständlich schien – dass man dem Opfer der islamistischen Drohungen Solidarität entgegenbringt und Schutz gewährt – blieb im Falle der Mohammed-Karikaturen wenigen Politikern und Intellektuellen vorbehalten. Während der im doppelten Sinne des Wortes deutsche Groß-Intellektuelle Günter Grass die Ausschreitungen als „fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat“ rechtfertigte, verteidigte die Ex-Muslimin Ayaan Hirsi Ali damals „the right to offend“ gegen eine „Religionsfreiheit“, die sich als Freiheit versteht, alle mit dem Tode zu bedrohen, die den eigenen Vorstellungen widersprechen.

Anlässlich des gescheiterten Attentats erklären wir unsere Solidarität mit Westergaard und seinen Kollegen und veröffentlichen an dieser Stelle die Karikatur Westergaards – nicht weil wir sie für besonders gelungen oder treffend hielten, sondern weil wir im Sinne Hirsi Alis das Recht, den religiösen Glauben in Frage zu stellen, als ein Recht freier Menschen verteidigen wollen. Gegen jene Gläubigen, die darauf mit Gewalt antworten, genauso wie gegen jene Haltung, die es aus Angst vor dieser Gewalt oder aus Opportunismus verbieten will.

[a:ka] göttingen, im januar 2010