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Rückzugserklärung

Am 25. Oktober haben linke Antisemiten der Gruppen Sozialistische Linke (SoL) und Tierrechtsaktion Nord (TAN) aus der B5 in Hamburg eine Aufführung des Films „Warum Israel“ von Claude Lanzmann mit Gewalt verhindert; am 13. Dezember findet eine Demonstration gegen die Angreifer statt. Den Aufruf zu dieser Demo haben wir spontan unterzeichnet. Die Redaktion Bahamas hat eben diesen Aufruf nun einer heftigen Kritik unterzogen und rief in einem „dringenden Appell an unsere Freunde“ dazu auf: „Zieht Eure leichtfertig gegebene Unterschrift öffentlich zurück!“ Das [a:ka] folgt auch diesem Aufruf und zieht hiermit die Unterstützung für den Aufruf „Antisemitische Schläger unmöglich machen – Auch Linke!“ zurück.

Es wurde davon ausgegangen, dass wer „Warum Israel“ zeigt, keinen Diskussionsbedarf und keine Illusionen mehr hegt, wenn es um den Umgang mit Antisemiten, insbesondere der als Antizionisten daher kommenden Spielart, geht. Dies würde bekanntlich bedeuten, sie mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen.
Schlecht informiert über die Hamburger Verhältnisse im allgemeinen und das Zentrum namens B5 im besonderen wurde davon ausgegangen, der Aufruf stünde im Zusammenhang einer Auseinandersetzung, die den Ausschluss der Gruppen SoL und TAN aus dem Zentrum B5 beinhaltete. So als spinnert verschrien, wie diese zu sein schienen, wirkte dies naheliegend. Das wäre zwar unbefriedigend, aber doch zumindest mit tatsächlichen Konsequenzen verbunden gewesen.

Im Einzelnen nur knapp daneben, wurde die Realität in dieser Einschätzung ganz verfehlt. Die besagten Gruppen werden zwar als Narren diskreditiert, deren Freiheit aber darin besteht, sich auch weiterhin als antisemitische Schläger zu betätigen. So sehr ihnen nun wortreich die Solidarität angeblich entzogen wird, so sehr bleibt die alte linke Regel in Kraft, die solchen Erklärungen Hohn spricht: Keine Polizei. Wenn man nach dem Grund fragen würde, käme sicherlich die Antwort, dass Linke mit den Trägern des Gewaltmonopols nicht zusammenarbeiten. So soll eine staatskritische Haltung demonstriert werden; heraus kommt aber schon deshalb nur Selbstbetrug, weil Staatskritik als Haltung nicht zu haben ist: Niemand in der bürgerlichen Gesellschaft entkommt dem ’stummen Zwang der Verhältnisse‘, indem er sich weigert, die Polizei zu rufen. Sich angesichts des Mangels anderer Sanktionsmöglichkeiten an dieses linke Relikt zu klammern, heißt nichts anderes, als die Aufrechterhaltung faktischer Solidarität mit Antisemiten– wirkungslose Demonstrationen unterstreichen das nur. Der Aufruf hätte das Unerträgliche dieser Situation noch in einer Hinsicht lindern können: Er hätte das Vorgehen der Einzelpersonen explizit unterstützen können, die den Gang zur Polizei auf sich genommen haben. Indem dies nicht geschah, ist der Aufruf endgültig untragbar.
Was ihn darüber hinaus unangenehm macht, ist die Anbiederung an linke Ambivalenzen. Er prangert den Israel-Hass der Antisemiten an; ein Bekenntnis zu Israel bleibt jedoch aus. Es soll den Verfassern nicht unterstellt werden, sie hätten sich grundsätzlich von Israel verabschiedet – sehr wohl ist ihnen jedoch vorzuwerfen, dass sie ihre Position im Aufruf so gründlich verschweigen, dass man glauben könnte, es wäre ihnen peinlich.
So erzählen sie den Lesern etwa gern, dass Claude Lanzmann vor bald 70 Jahren bei der Résistance kämpfte; dass er ein Zionist ist, der Israels Armee als die Instanz feiert, die den Juden die Gewalt über sich selbst zurückgegeben hat, das teilt man ihnen lieber nicht mit. Die Bahamas hat schon angemerkt, dass die Vorführung von „Warum Israel“ im Aufruf wertneutral als Veranstaltung zu Israel beworben wird, wo doch der ganze Film nichts anderes ist als ein flammendes Plädoyer für Israel – aber das soll man beim Lesen des Aufrufs anscheinend nicht merken.

Was noch bleibt, ist mehr eine Sache der Form denn des Inhalts. Wir, das [a:ka], entschuldigen uns hiermit.

Vor allem bei den Einzelpersonen, die trotz der von linker Seite zu fürchtenden Drangsalierungen das ihnen Mögliche bei der Polizei angezeigt haben. Mit unserer Unterstützung des Aufrufs haben wir ihnen formal die Solidarität entzogen.

Des weiteren bei den Verfassern des Aufrufs. Sie müssen es in unmittelbarer Nähe mit linken Antisemiten und ihren linken Freunden aushalten, und wir haben hier vorschnell und falsch Gemeinsamkeit behauptet.

Es macht nichts besser, taugt aber vielleicht zum Amüsement, das wir uns nunmehr selbst in einer peinlichen Situation befinden. Auf einen wichtigen Hinweis zu reagieren, war uns nur möglich, indem wir über ein Stöckchen springen, welches von freundschaftlich verbundener Seite hoch gehalten wird.

[a:ka] göttingen, im Dezember 2009