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Darum Israel

Fast genau sechs Jahren ist es her, dass das [a:ka] in Göttingen erstmals öffentlich unter dem Motto „Solidarität mit Israel“ auftrat, und die Reaktionen auf die gleichnamige Kundgebung belegten eindrucksvoll die Ablehnung und die Ressentiments, mit denen weite Teile der Linken allem begegnen, was mit Israel zu tun hat. Wenn ich die Israelsolidarität hier also noch einmal von Grund auf erläutern soll, dann bietet sich diese erste, kleine Kundgebung als Ausgangspunkt an – allerdings nicht die Kundgebung für sich genommen, sondern die Kundgebung zusammen mit dem gesellschaftlichen Klima, in dem sie stattfand. Es war, wie gesagt, im April 2002; die Al-Aksa- Intifada erreichte gerade ihren traurigen Gipfel – innerhalb von 60 Tagen ermordeten palästinensische Selbstmord-Attentäter mehr als 100 israelische Zivilisten – Juden wie Araber.

Um die Anschläge einzudämmen, ging die israelische Armee, die IDF, im Westjordanland gegen die Terrorgruppen vor; am 9. April kam es zu heftigen Kämpfen in der Stadt Dschenin, deren Zentrum in weiten Teilen zerstört wurde. Unmittelbar nach der Schlacht setzte dann die Autonomiebehörde Fotos der Trümmerlandschaft für eine Propagandaoffensive ein: Die IDF habe in Dschenin ein Massaker angerichtet, hieß es; über 900 Zivilisten seien regelrecht abgeschlachtet worden. Das war gelogen: Monate später veröffentlichten die UN einen Bericht, wonach Dschenin durch die Kriegshandlungen beider Seiten zerstört wurde, von Massenmord war keine Rede. Letztlich starben in Dschenin 23 Soldaten der IDF; auf Seiten der Palästinenser gab es 52 Tote, von denen der Bericht 30 als Kombattanten einstufte; 22 als Zivilisten. Diese Zahlen entlarvten das „Massaker von Dschenin“ als Produkt einer Fantasie, die Israel selbst für solche Gräueltaten verantwortlich macht, die überhaupt nicht stattgefunden haben; der Schaden für Israel aber war in der Welt. In Deutschland entstand Mitte April eine Volksfront, die von Nazis über die Mainstream-Medien bis zu den Antiimps reichte und eine anti-israelische Hetze entfachte, wie man sie seit den 80er Jahren nicht mehr erlebt hatte. Ex-Minister Norbert Blüm faselte von einem „hemmungslosen Vernichtungskrieg“, dem die Palästinenser ausgesetzt seien – Ariel Sharon? Schlimmer als Hitler! Der Vernichtungskrieg der Wehrmacht war wenigstens nicht „hemmungslos“! FDP-Hausantisemit Jürgen W. Möllemann setzte noch einen drauf und verteidigte direkt den Judenmord: „Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt,“ sagte er der taz, „und ich würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land des Aggressors“ – das klang, als wähnte er sich in seinen Träumen bereits mit einem Bombengürtel in einem Café in Tel Aviv.

Gegen diese Hetze veranstaltete das [a:ka] am 24. April 2002 eine Kundgebung unter dem Motto „Kein Friede dem antisemitischen Vernichtungswillen – Solidarität mit Israel – Für den Kommunismus“. Gerade mal 15 bis 20 Leute konnten wir mobilisieren, die Resonanz war trotzdem beachtlich: Einige Meter weiter übte sich eine ähnlich kleine Alternativkundgebung in Neutralität: „Keine uneingeschränkte Solidarität mit Israel und Palästina, gegen Antisemitismus und Kapital“ stand auf deren Transpi. Und dann war da noch eine Gruppe meist älterer Linker, die schlicht die Beherrschung verloren, kaum dass die Kundgebung begonnen hatte. Sie skandierten „Kriegstreiber, Kriegstreiber!“, einige wurden handgreiflich und versuchten uns das Redemanuskript zu entreißen, und eine Frau forderte schreiend „Solidarität mit allen Menschen auf der Welt!“ (Als wäre das a) eine sinnvolle Position angesichts von Leuten wie z.B. Kim Jong Il, der mir doch eher eingeschränkt solidaritätswürdig erscheint, und als stünde b) die Solidarität mit der Menschheit überhaupt in einem Widerspruch zur Solidarität mit Israel). Irgendwann stürzte sich auch noch die Polizei ins Handgemenge und rangelte mit, und ein Aktivbürger, der zufällig vorbeigekommen war, fing an, Kundgebungsteilnehmern ins Gesicht zu brüllen, sie stünden im Bunde mit dem „Kindermörder Israel“ – Kurz: Die Situation war derart absurd, dass der zuständige Tageblatt-Reporter glaubte, wir hätten das alles selbst inszeniert.

Die Göttinger Gutmenschen von goest.de glaubten das nicht, wurden aus unserer Position aber auch nicht schlau: Wie wir als Linke denn die Kriegspolitik Ariel Sharons unterstützen könnten, wunderte sich der Goest-Autor? Oder die „totale Unterdrückung der Palästinenser“, die Verstöße gegen Völker- und Menschenrecht? Vor allem fragte er sich, wie das mit dem Kommunismus und der Israel-Solidarität zusammengehe: „Wenn sie ‚Für den Kommunismus‘ sind, wieso dann nicht für die internationale Verbindung der Ausgebeuteten und stattdessen für einen nationalistischen Krieg?“ Wäre das [a:ka] gleichermaßen „gegen Antisemitismus“ und gegen „den israelischen Rassismus gegenüber Arabern“, dann hätte es doch die ganze Linke hinter sich, schreibt Goest, aber statt dessen schmeiße es mit Antisemitismusvorwürfen um sich. All diese Widersprüche – wie lassen sie sich erklären? Goest weiß nicht, was soll es bedeuten, und kommt am Ende zu dem Ergebnis: „Die Leute scheinen ein bisschen durcheinander zu sein.“ Nun muss man sich wohl nicht übermäßig sorgen, wenn einem ein Goest-Autor die Zurechnungsfähigkeit abspricht, und ob der Verfasser beim Thema „Durcheinander sein“ nicht eher von sich auf andere schließt, sei dahingestellt.

Trotzdem: Wenn man den Goest-Artikel ein bisschen ordnet und ihn um die Passagen kürzt, die nur groben Unfug enthalten, dann stellt er durchaus die richtigen Fragen. Nämlich Fragen, auf die eine Israelsolidarität Antworten haben muss, wenn sie ihren kritisch-theoretischen Anspruch ernstnimmt und nicht auf den Standpunkt von Angela Merkel oder Joseph Fischer zurückfallen will – also auf das Gerede von der „besonderen deutschen Verantwortung“ für Israel wegen der Sache mit Auschwitz damals, die in der Praxis stets bedeutet, das die Deutschen den Israelis vor lauter Sorge nahelegen, sie möchten doch bitte die Hamas als „Partner im Friedensprozess“ anerkennen, während die Hamas ihren Landsleuten und Glaubensbrüdern (den Schwestern weniger) die Ermordung der Juden als göttlichen Auftrag nahelegt. Aber zurück zu Goest und den Fragen an die Israelsolidarität: Sinnvoll gegliedert und um die zugehörigen Argumente ergänzt könnte man sie vielleicht wie folgt formulieren:

1. Als Antideutsche behauptet Ihr, der Kapitalismus bringe den Antisemitismus immer wieder hervor, und deshalb seien die Juden in dieser Gesellschaft mehr als alle anderen bedroht. Mal unterstellt, das stimme: Warum bekämpft Ihr dann nicht einfach den Antisemitismus, meinetwegen auch, indem ihr den Kapitalismus bekämpft? Was soll Eure Unterstützung für Israel, also für einen kapitalistischen Nationalstaat?

2. Ihr sagt, ihr unterstützt Israel wegen seiner Schutzfunktion gegen den Antisemitismus. Nehmen wir das ruhig mal einen Moment lang ernst – warum beschränkt sich Eure Unterstützung dann nicht auf diese Funktion, also auf eine Anerkennung und Verteidigung des israelischen Existenzrechts? Warum müsst ihr Euch statt dessen mit Israel als Ganzem solidarisieren – also auch mit Vorgängen wie der gewaltsamen Vertreibung der Palästinenser und der Besatzungs- und Siedlungspolitik; mit der Benachteiligung von Nicht-Juden und selbst mit Israels Charakter als kapitalistischem Klassenstaat?

3. Niemand, der gegen Eure Kundgebung demonstriert hat, wollte Israels Existenzrecht in Frage stellen – na ja, außer vielleicht dem „Kindermörder“-Typen. Alle anderen waren nur gegen Eure Kriegstreiberei: Ihr seid einseitig auf die Leiden der Israelis fixiert und ignoriert das palästinensische Leid, das die israelische Besatzung verursacht. Kaum jemand versteht sich noch als Antisemit, und die meisten Linken sind auch längst keine Antizionisten – sie alle wollen eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung. In dem Flugblatt, das Eure Kritiker verteilt haben, stand die Forderung „Für das Leben aller Menschen in Israel und Palästina.“ Wie könnt Ihr das zurückweisen? Wollt ihr denn, dass das Sterben weitergeht? Seid Ihr wirklich Rassisten?

4. Wenn Ihr Kommunisten seid, wie Ihr behauptet, dann müsst ihr Kapitalismus und Nationalismus bekämpfen. Das schließt doch aber aus, dass Ihr mit einem kapitalistischen Nationalstaat wie Israel solidarisch seid! Und wenn ihr mit ihm solidarisch seid, dann seid ihr eben keine Kommunisten mehr – beides zusammen geht jedenfalls nicht! Q.E.D – was könnt Ihr gegen diese Beweisführung noch einwenden?

Derartige Fragen und Vorwürfe sind nie verstummt, seit Antideutsche nach Ausbruch der Al-Aksa- Intifada damit begonnen haben, sich Israel-Fahnen an die Jacke zu heften – obwohl die Antworten inzwischen eigentlich überall nachzulesen sind. Die Ideologien und Projektionen, die diesen Fragen oft genug zugrundeliegen, wurden ebenfalls Dutzendfach kritisiert. Überschaubare Gesamtdarstellungen einer kritischen Grundlegung der Israelsolidarität sind allerdings trotzdem eher selten – als Ausnahme sei hier der berühmte „Antideutsche Katechismus“ erwähnt, den ich dringend allen ans Herz legen will, die ihn noch nicht kennen – Ironiefähigkeit ist für die Lektüre allerdings Voraussetzung.

Wo wir grad dabei sind, ein kleiner Werbeblock zwischendurch: Ebenfalls ein Muss für alle, die in die Israelsolidarität einsteigen wollen, ist das Buch „Furchtbare Antisemiten, ehrbahre Antizionisten“ von der ISF-Freiburg, das ist eine materialistisch fundierte Kritik des linken Antizionismus, und natürlich Matthias Küntzels Studie über „Djihad und Judenhass“, ein Text über die Geschichte des Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften – beide Bücher sind erschienen im ca-ira-Verlag. Aber das nur am Rande: Fragen zur Israelsolidarität
sind jedenfalls nicht verschwunden, und deshalb werde ich jetzt die Fragen beantworten, die ich oben aus dem Goest-Text herausdestilliert habe.

Erste Frage: Als Antideutsche behauptet Ihr, der Kapitalismus bringe den Antisemitismus immer wieder hervor, und deshalb seien die Juden in dieser Gesellschaft mehr als alle anderen bedroht. Mal unterstellt, das stimme: Warum bekämpft Ihr dann nicht einfach den Antisemitismus, und sei es meinetwegen, indem ihr den Kapitalismus bekämpft? Warum die Unterstützung für Israel, also für einen kapitalistischen Nationalstaat?

Diese Frage lässt sich nur mit einem Umweg beantworten: Tatsächlich ist es ja erstaunlich, wenn sich Kommunisten, also entschiedene Gegner von Herrschaft und Ausbeutung, also von Staat und Kapital, solidarisch erklären mit einem spezifischen kapitalistischen Nationalstaat, also mit Israel.Warum dann nicht auch mit, sagen wir, Ghana oder mit Algerien solidarisch sein, könnte man fragen? Die haben schließlich auch schon vielfach schwer gelitten in ihrer Geschichte, und natürlich lässt sich durch nichts begründen, warum ein Israeli mehr wert sein sollte als ein Bürger Ghanas oder eine Algerierin. Wer sich solidarisch erklärt mit Israel, obwohl er Staatlichkeit grundsätzlich ablehnt, der misst offensichtlich mit zweierlei Maß, und das wäre sicherlich falsch, gäbe es nicht einen guten Grund dafür: Und dieser Grund ist natürlich die Geschichte und vor allem die Gegenwart des modernen Antisemitismus, der eine latente Todesdrohung darstellt für sämtliche Juden überall auf der Welt.

Man könnte eine ganze Veranstaltungsreihe machen, wenn man dem Thema Antisemitismus gerecht werden wollte; in diesem Zusammenhang muss es deshalb ausreichen, einige Eckpunkte herauszuarbeiten über die historische Entstehung des Antisemitismus auf der einen Seite und dessen wichtigsten Charakteristika auf der anderen. Beginnen wir mit dem historischen Überblick:Geschichte des Antisemitismus
Der Antisemitismus, wie wir ihn heute kennen, ist keine zweihundert Jahre alt. Er entstand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in mehreren europäischen Staaten zur gleichen Zeit und schloss damit an einen christlich geprägten Antijudaismus an, dessen Wurzeln wiederum in die Antike zurückreichen; zurück bis zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Legionen des römischen Kaisers Vespasian im Jahre 70 u.Z.

Im Zuge der römischen Besatzung Palästinas begann die jüdische Diaspora, und die Juden bildeten Gemeinden in der ganzen Welt, in der sie jedoch stets als Fremde wahrgenommen wurden, ganz egal seit wie vielen Generationen ihre Familien dort schon lebten. Der christliche Antijudaismus entwickelte sich im Hochmittelalter ab dem 10. Jahrhundert als die Juden von den sog. „ehrenwerten“ Berufen der städtischen Stände ausgeschlossen wurden; im 11. Jahrhundert kommt es in Köln erstmals zu Pogromen der christlichen Bevölkerung gegen die Juden. In den folgenden Jahrhunderten entwickeln sich zum einen die Ghettos, in denen die Juden zu leben gezwungen werden; zum anderen entsteht die Figur des Hofjuden, der unter dem Schutz seines Fürsten steht, diesem im Gegenzug zu Diensten sein muss. Die Fürsten missbrauchten die Juden allerdings auch als Sündenböcke: Sie gaben ihnen die Schuld an Missständen im Lande und hoben ihren Schutz auf, damit die christliche Mehrheit ihr Mütchen an ihnen kühlen konnte. Zum Standardrepertoire des Antijudaismus gehörten die Vorwürfe des Gottesmords (Jesus ans Kreuz genagelt zu haben), der Hostienschändung, des Ritualmords an christlichen Kindern und der Brunnenvergiftung – der Vorwurf der Brunnenvergiftung führte 1348 zu einer europaweiten Pogromwelle, als die Bevölkerung den Juden vorwarf das Trinkwasser verseucht und somit die Große Pest ausgelöst zu haben, der ein Drittel der Bevölkerung – auch der jüdischen – zum Opfer fiel.

In der damals relativ fortschrittlichen islamischen Welt gab es übrigens keine Pogrome: Die Juden waren zwar nicht gleichberechtigt mit den Moslems, lebten aber im Status der Dhimmis wie die Christen relativ sicher. Im Europa der frühen Neuzeit begann sich der Antijudaismus langsam zu wandeln und nahm zusehends Züge des modernen Antisemitismus an: Als direkter Vorläufer der heutigen Antisemiten kann z.B. Martin Luther gelten. Zu seiner Zeit verdienen viele Juden als Geldverleiher oder Händler ihr Brot, da ihnen, wie gesagt, die Wahrnehmung von Handwerksberufen untersagt ist. Luther stellt nun die Figur des jüdischen Wucherers in den Mittelunkt seiner Judenhetze und entwickelt daraus ein Weltbild, in dem die Juden die Christen ausbeuten, sie schuften lassen und selbst nur den Zins einstreichen. Im Zuge der Aufklärung und im Gefolge der Säkularisierung und der Entstehung moderner Nationalstaaten sah es einige Jahrzehnte lang so aus, als könnte mit dem christlichen Mittelalter auch der Antijudaismus verschwinden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten die Juden
in zahlreichen Staaten volle Bürgerrechte, und wer konnte, der verließ die Ghettos. Aus den ehemaligen Geldverleihern entwickelte sich eine jüdische Bourgeoisie; und die jüdische Reformbewegung um Moses Mendelssohn erschuf ein säkularisiertes Judentum, dessen Anhänger sich als Angehörige der Nation begriffen, in der sie lebten, und Religion als Privatsache betrieben.

Die Hoffnung der Juden, nach Jahrhunderten des Fremdseins nun endlich Bürger unter Bürgern werden zu können, zerschlug sich allerdings mit dem Aufkommen eines neuen Judenhasses, dessen Träger nun nicht mehr gekennzeichnet waren durch ihr Christentum, sondern gerade durch ihre Eigenschaft als freie Bürger moderner Nationalstaaten, deren Entwicklung den alten Judenhass doch eigentlich zum Anachronismus gemacht hatte. Statt dessen kam es ab ca. 1880 zuerst in Rußland erneut zu antijüdschen Pogromen, überall schossen antijüdische Vereine aus dem Boden, und 1889 prägte der deutsche Historiker Heinrich von Treitschke nicht nur die Formel „Die Juden sind unser Unglück“, er gab dem neuen Judenhass auch seinen bis heute gültigen, pseudowissenschaftlichen Namen: Antisemitismus (übrigens unsinniger Name: Semiten im engeren Sinne gibt es gar nicht; es gibt nur eine semitische Sprachenfamilie, zu der neben Hebräisch auch
Arabisch gehört – was arabische Antisemiten und ihre Fans bis zu heute zum Pseudoargument verleitet, sie könnten ja gar nicht antisemitisch sein, weil selbst Semiten. Aber das ist natürlich quatsch: Antisemiten hassen Juden, keine Araber.)

Seine Vollendung findet der moderne Antisemitismus in dem Machwerk mit dem Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion“, in dem eine seit Jahrhunderten im Dunkeln wirkende jüdische Weltverschwörung behauptet wird, deren Ziel die Unterwerfung aller Völker unter ihre Herrschaft ist. Das Aufkommen des modernen Antisemitismus ist eng verbunden mit der Verbreitung des Rassismus, und obwohl sich die antisemitischen Projektionen auf die Juden inhaltlich vollkommen unterscheiden von den rassistischen Stereotypen, mit denen etwa sog. „Neger“ belegt werden, haben sie doch eines mit ihnen gemeinsam: Sie werden biologisch hergeleitetet; der Hass wendet sich gegen Eigenschaften, die ihre Träger angeblich im Blut haben.

Das verbaut den Juden selbst noch den letzten Ausweg, den ihnen der religiös konnotierte Antijudaismus gelassen hatte: Im Mittelalter reichte eine Taufe, um der Stigmatisierung zu entkommen; die modernen Juden konnten zum Christentum übergetreten sein, sie konnten scheinbar voll assimiliert sein oder als kaisertreue Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg Orden fürs Feindeschlachten sammeln – der rassistisch begründete Antisemitismus ließ ihnen als letzten Ausweg aus der Verfolgung nur noch den Tod. Die Nazis haben zu dieser Ideologie nichts Neues beigetragen, alles was Hitler in „Mein Kampf“ zu ihr zu sagen hat, haben Leute wie Treitschke oder Rasseideologen wie Lanz von Liebenfels Jahrzehnte vor Auschwitz zu Papier gebracht – die Leistung Nazi-Deutschlands besteht einzig darin, den Antisemitismus zum Staatsprogramm erhoben und das in ihm enthaltene Vernichtungspotential mit den Mitteln moderner Bürokratie und Technologie zum größten Mordprogramm aller Zeiten entfaltet zu haben.

Elemente des modernen Antisemitismus

Was hat es nun auf sich mit diesem modernen Antisemitismus, der bekanntlich nicht mal aus der Welt zu schaffen war, als die furchtbarsten Konsequenzen, zu denen er geführt hatte, offen zu Tage lagen. Zunächst einmal, sozusagen auf individueller Ebene, ist dieser Antisemitismus nicht mehr als eine Wahnvorstellung, ein irrwitzig verzerrter Blick auf die Welt, der sich durch kein einziges Faktum belegen ließe und der kein vernünftiges Argument auf seiner Seite hat, ihn zu stützen.

Die Juden sollen, wie gesagt, unser Unglück sein. Umgekehrt soll an ihrer Ausrottung das Glück der Welt hängen. Antisemiten wähnen, die Juden hätten sich gegen die Nationen verschworen, in deren Mitte sie als Fremdkörper lebten, sorgten dafür, dass alle Arbeit und alle Anstrengung zuschande gingen und formten sich dabei allmählich die Welt nach ihrem Wunschbild. Die Antisemiten wähnen die Juden hinter dem amerikanischen Finanzkapital genau wie hinter dem (inzwischen untergangenen) Kommunismus, sie sehen in ihnen den Grund für den Verfall althergebrachter Moralvorstellungen und des inneren Zusammenhalts der Völker; sie geben ihnen die Schuld am Klassenkampf der Arbeiter gegen ihre Armut genauso wie an der Armut der Arbeiter selbst. Sie sollen das Geheimnis arbeitslosen Einkommens besitzen, sie sollen wissen, wie sie alle anderen zur Frohn zwingen können, während sie selbst nichts als dem Müßiggang fröhnten. Den Ersten Weltkrieg sollen sie angezettelt haben, den Zweiten Weltkrieg sollen sie angezettelt haben, und als Zionisten sollen sie sogar ihre eigene Vernichtung arrangiert haben, um das Mitleid der Welt für die Gründung Israels zu mobilisieren – das zumindest behauptet nicht nur die Hamas, das behaupten auch auflagenstarke, angeblich liberale Tageszeitungen in Ägypten, die mit Islamisten nichts am Hut haben.

Vorstellungen wie Christusmord und Hostienschändung sind im modernen Antisemitismus maximal noch als Relikte vorhanden: Über die Judenhetze des Stürmerherausgebers und NSDAP-Gauleiters von Franken, Julius Streicher, konnte sein Führer Adolf Hitler nur lachen –er forderte, solch archaischem Unsinn einen „Antisemitismus der Vernunft“ entgegen zu setzen.Einen Antisemitismus der Vernunft kann es natürlich nicht geben, denn nichts an der Vorstellung einer Weltverschwörung der Juden hat auch nur ansatzweise etwas mit Vernunft zu tun. Nichts daran ist plausibler als der Glaube an den Weihnachtsmann, und trotzdem gibt es auf der ganzen Welt und über alle Bildungs- und Klassenschranken hinweg hunderte Millionen von Menschen, die wortwörtlich nachplappern, was in den Protokollen der Weisen von Zion steht; und nicht nur in Ägypten oder in Syrien, sondern auch in Japan ist des Führers „Mein Kampf“ bis heute ein Bestseller. Ganz offensichtlich ist der antisemitische Wahn also kein individueller, sondern ein gesellschaftlicher. Widerspruchsfrei erklären kann das aber niemand – als Wahn entzieht sich der Antisemitismus ja gerade den Regeln von Vernunft und Logik; ihn logisch und vernünftig begründen zu wollen, hieße deshalb, ihn zu rationalisieren und somit letztlich zu rechtfertigen.

Was sich aber feststellen lässt, ist, dass das antisemitische Denken eine Reaktion darstellt auf die kapitalistische Moderne, in dem es die Bilder des Antijudaismus transformiert und aufbereitet als Projektionsfläche für moderne Ressentiments. Mit dem Kapitalismus ist eine Dynamik in die Welt gekommen, die es früher nie gegeben hat, eine Dynamik, die alle gesellschaftlichen Verhältnisse ständig revolutioniert. Und diese ständige Veränderung geht scheinbar automatisch vonstatten – niemand scheint da zu sein, der sie bewusst vorantreibt; niemand erklärt sich dafür verantwortlich. Besonders deutlich wird das in der Krise: Scheinbar ohne Grund brechen prosperierende Volkswirtschaften von einem Moment auf den anderen zusammen; die ganze Reichtumsmaschine ist noch da, all die Fabriken und Maschinen und Kaufhäuser haben sich keinen Deut verändert, aber sie produzieren keinen Reichtum mehr, und während die Leute auf den Straßen betteln, verrotten die Waren in den Regalen, weil keiner mehr Geld hat, sie zu kaufen. Es ist dies angelegt in der kapitalistischen Form der Reichtumsproduktion selbst, aber diese Form stellt sich den Menschen dar in einer fetischisierten, verdinglichten Art und Weise – sie ist nichts als das Ergebniss ihres eigenen Handelns, aber sie scheint diesem Handeln vorausgesetzt zu sein und zwingt es in Bahnen, deren Konsequenzen das Alltagsbewusstsein nicht zu greifen bekommt.

Nur die konkrete Arbeit und den konkreten Handel sehen sie, und sie begreifen nicht, dass diese konkreten Tätigkeiten in Wahrheit unmittelbar eins sind mit der scheinbar abstrakten Form des Geldes und des Finanzkapitals, das ja die Krisen auslöst, wenn seine Akkumulation ins Stocken gerät. Dies ist eines der wichtigsten Elemente des Antisemitismus: Im Kopf der Antisemiten findet eine Abspaltung
statt zwischen den schaffenden Arbeitern und den Unternehmern mit ihren Fabriken auf der einen Seite und dem Finanzkapital auf der anderen, für dessen fatalen Einfluss die Juden als dessen angebliche Träger verantwortlich gemacht werden. Dies gilt bis heute auch in Deutschland, wo sich offen von „den Juden“ niemand mehr zu reden traut – es reicht jedoch ein Blick in die IGMetallzeitung, die Hedgefonds aus den USA als Hybridwesen mit langen Rüsseln personalisiert, die sich auf den Schornsteinen deutscher Fabriken niederlassen und ihnen das Leben aussaugen.

Ein zweites Element will ich hier noch kurz anreissen: Diejenigen, die am heftigsten unter den Verwerfungen des Kapitals zu leiden haben – die Arbeiter und Angestellten, die entlassen werden, wenn die Produktion in der Krise stillsteht, oder wenn ihr Job durch neue Maschinen übernommen werden kann, die haben auch dann kein gutes Leben, wenn die Wirtschaft brummt. Die Gesellschaft hält nichts für sie bereit als Arbeit und einen Lohn von dem sie wissen, dass er nie genug abwerfen kann, sie aus dem Zwang zur Arbeit zu befreien. Aus dieser Not machen sie, unterstützt von der kleinbürgerlichen Arbeits-Ideologie, eine Tugend. Sie idealisieren Arbeit und Versagung und verteufeln Genuss, Muße und Reichtum. Gleichzeitig wollen sie aber insgeheim genau das erreichen, was sie sich selbst verbieten, und daraus speist sich ihr Hass gegen alle, die scheinbar ohne Mühe ein gutes Leben führen – unmittelbar entlädt sich dieser Hass, wenn am Stammtisch gegen Steuerbetrüger in Luxemburg gehetzt wird, mittelbar sind immer die Juden mit gemeint, gegen die zu hetzen man sich hierzulande aber nicht mehr so recht traut.

Es lässt sich bis hierin zweierlei festhalten: Erstens: Der moderne Antisemitismus ist ein gesellschaftlicher Wahn, der die Unbill der Moderne auf die Juden projiziert und diese aus dem Zusammenhang der Produktiven ausschließt, und zwar auch dann, wenn sich die Juden als säkularisierte, mustergültige Angehörige der Nation verhalten, in der sie leben. Und zweitens: Dieser Antisemitismus ist nicht tot. In zahlreichen Industrienationen ist er offen präsent, in den arabischen Staaten wird er zur Begründung für das Versagen der eigenen Gesellschaftssysteme herangezogen, und auch in Deutschland ist er zwar offiziell geächtet, in einer versteckten Form aber nach wie vor präsent. Er scheint in der Tat nicht totzukriegen zu sein, so lange es die Gesellschaftsform gibt, die ihn hervorbrachte, und genau diesen Verdacht hatten einige Juden bereits vor über hundert Jahren als sie beschlossen, einen eigenen, jüdischen Staat zu gründen – die Zionisten.

Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als sich allen Assimilationsbemühungen zum Trotz der moderne Antisemitismus auszubreiten begann. Die Grundidee ist einfach: Wenn Juden dort, wo sie leben, immer nur als Fremde begriffen werden,
dann müssen sie, um nicht mehr fremd zu sein, eine eigene Gesellschaft aufbauen – wie sich der Dritte Stand in Frankreich als Nation erfunden hatte, und wie sich die Einwanderer in Amerika als Nation erfunden hatten, so sollten sich nun auch die Juden als Nation erfinden, sich gemeinsam in einem Land ansiedeln und dort von vorne anfangen. Aber wo sollte das passieren? Zwar wurden anfangs auch Alternativen diskutiert, aber zum Charakter einer Nation gehört eben auch eine Erzählung über die gemeinsame Identität, und die lässt sich bei den Juden am ehesten über die Vertreibung ihrer Ahnen aus dem gelobten Land fassen – die Heimstatt der modernen, jüdischen Nation sollte also die historisch-mythologische Heimat dieser Ahnen sein: Palästina.

In Palästina, so der Traum von Theodor Herzl und anderen, sollte die jüdische Nation eine Nation unter vielen werden; mit der Diaspora sollte auch der Antisemitismus verschwinden, und die zu Siedlern, Bauern und Arbeitern gewordenen Juden sollten vor der Welt endlich nicht mehr als Fremde unter lauter Gleichen gelten, sondern als anerkannter Teil der Menschheit. Gegen die zionistische Idee gab es eine Menge berechtigter Einwände, gerade auch von fortschrittlich denkenden, kommunistischen oder sozialistischen Juden. Diese kritisierten den Zionismus einerseits wegen seines bürgerlich-nationalistischen Charakters, der ja tatsächlich keine Antworten lieferte auf den Klassencharakter der modernen Gesellschaften, sondern sie einfach nur kopieren wollte. Ein naheliegender Einwand: Warum sollte der jüdische Arbeiter mit einem jüdische Kapitalisten mehr gemein haben, als mit seinem christlichen Kollegen an der Werkbank?
Sowas glauben doch eigentlich nur Antisemiten, oder?

Zum anderen stellten die Kritiker in Frage, inwieweit sich das Antisemiten-Problem durch die Gründung eines Judenstaates lösen lasse: Wenn der Antisemitismus ein Phänomen der Moderne sei, dann könne man ihn auch nur durch deren Kritik überwinden, so die Argumentation. Beide Einwände sind an sich berechtigt, und doch sind beide nach Auschwitz praktisch irrelevant: Zwar stellt der jüdische Staat tatsächlich keine Emanzipation von der Klassengesellschaft dar, sondern er ist selbst eine – aber in Auschwitz sind die Juden aller Klassen vergast worden, und die in Auschwitz hergestellte negative Identität der Juden als Kollektiv der zum Tode geborenen berührt deren physische Existenz; die Stellung zum Produktionsprozess wird damit zunächst sekundär.

Auch konnte die Gründung Israels tatsächlich nichts dazu beitragen, den Antisemitismus zu überwinden; Israel und die Israelis haben ja vielmehr sogar mit dem Antizionismus als neuer Form des Antisemitismus zu kämpfen – aber weltweit konnte selbst der Schock über Auschwitz nichts an diesem Antisemitismus ändern, und gerade deshalb wird Israel ja gebraucht: es darf kein zweites Mal mehr möglich sein, dass eine Nation die Juden zur Schlachtbank führt, während die anderen desinteressiert bis feixend dabeistehen.

Wir können, nach einem langen Umweg, die erste Frage beantworten: Tatsächlich ließe sich der Antisemitismus als gesellschaftlich produzierter Wahn nur überwinden, wenn man die Gesellschaft überwände, die ihn hervorbringt. Diesen Schritt hat die Menschheit aber, wie gesagt, nicht einmal vollbracht, als die Welt in Trümmern lag und sechs Millionen Juden vernichtet waren. Die ISF hat einmal geschrieben, der Zionismus sei die falsche, weil bürgerlich-kapitalistische, unter den gegebenen Umständen aber einzig mögliche Antwort der Juden auf den Antisemitismus: Mit der Gründung Israels kommt ein Gewaltmonopol in die Welt, das zwar auch als ideeller Gesamtkapitalist fungiert wie all die anderen staatlichen Gewaltmonopole auch – aber eben nicht darauf beschränkt bleibt, sondern noch davor bestimmt ist durch den Zweck, das Leben der Juden vor den Antisemiten zu schützen.

Das inhaltlich richtige Argument, die Existenz Israels besiege ja nicht den Antisemitismus, ist an Auschwitz zynisch geworden: Es verlangt von den überlebenden Juden, sie sollten abwarten, was denn schneller komme – die kommunistische Revolution, die den Antisemitismus aus der Welt schafft, oder ein zweiter Umschlag in die antisemitische Barbarei, der die Juden aus der Welt schafft. Auch wer, wie wir, die Hoffnung auf Emanzipation nicht aufgeben will, sollte nach Auschwitz begriffen haben, dass die Barbarei alle Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite hat – weshalb gegen die bloße Hoffnung im Umgang mit dem Antisemitismus Realismus zu fordern ist – was uns überleitet zur nächsten Frage (die übrigens, wie die noch folgenden beiden auch, sehr viel schneller zu beantworten ist).

Frage zwei: Ihr sagt, ihr unterstützt Israel wegen seiner Schutzfunktion gegen den Antisemitismus. Nehmen wir das ruhig mal einen Moment lang ernst – warum beschränkt sich Eure Unterstützungdann nicht auf diese Funktion, also auf eine Anerkennung und Verteidigung des israelischen Existenzrechts? Warum müsst ihr Euch statt dessen mit Israel als Ganzem solidarisieren – also auch mit Vorgängen wie der gewaltsamen Vertreibung der Palästinenser und der Besatzungs- und Siedlungspolitik; mit der Benachteiligung von Nicht-Juden und selbst mit Israels Charakter als kapitalistischem Klassenstaat?

Es ist im wesentlichen ein zentrales Argument, das hier zu nennen ist: Die Funktion Israels, der Schutz der Juden, ist keine theoretische Aufgabe, sondern eine praktische. Wahrgenommen wird sie von einem konkreten Staat mit allen Vor- und Nachteilen, die Staaten eben an sich haben, und nicht von einem abstrakten Wunschbild, das Philosemiten in diesen Staat hineinprojizieren. Wer solidarisch ist mit Israel, der verteidigt diesen konkreten Staat, keinen utopischen Traum irgendwelcher Kibbuz-Romantiker und kein abstraktes Existenzrecht, über das der UN-Sicherheitsrat noch munter diskutieren kann, wenn Achmadinedschad längst durchgetickt ist und die Bombe auf Tel Aviv geschmissen hat.

Antideutschen wird gern unterstellt, sie identifizierten sich mit Israel, wie sich die Kommunisten früher mit der Sowjetunion als dem Heimatland der Werktätigen identifziert hätten, oder die Neue Linke mit Maos Kulturrevolution als Avantgarde des antiimperialistischen Volkskrieges. Letztlich sei die Israelfahne nur die neueste Projektionsfläche für die Revolutionsphantasien von Metropolenlinken, die in der Praxis fürs Eigenheim sparen, weil kein revolutionäres Subjekt mehr in Sicht ist. Aber der Vergleich zielt vorbei: Die Identifikation mit Stalins Gulag-System, mit dem Terror der Roten Garden in China oder selbst mit Pol Pots Steinzeitstaat und seiner Todesstrafe für zu gutes Benehmen speiste sich stets aus einer Idealisierung der realen Verhältnisse. Immer wurde das jeweilige Identifikationsobjekt als der wahre Weg zur Emanzipation gepriesen, Hungersnöte, Säuberungen und Massenmord ignoriert oder als Feindpropaganda geleugnet.

Die Israelsolidarität aber betrachtet Israel weder als einen Idealstaat noch als eine Avantgarde der menschlichen Emanzipation, und sie verdrängt auch nicht das Leid, das Israels Politik zweifellos zur Folge hat. Die Israelsolidarität sieht Israel als den Staat, der es ist: Eine Gesellschaft auf jüdisch-nationalistischer Grundlage, die Nichtjuden ausschließt, die gespalten ist in arm und reich, und in der heftig gestritten wird, was „Eretz Israel“ denn nun genau sei, wer also dazu gehört und wer nicht, und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Die Israelsolidarität weiß, dass Militärs eine gewaltige Rolle spielen in diesem Staat, dass es Rassisten, dass es religiöse Fanatiker gibt und Machtpolitiker, die auf dem Rücken von Minderheiten Wahlkampf betreiben – dass Israel also, mit anderen Worten, eine ganz normale bürgerliche Demokratie ist mit politischen Fraktionen, die an sich so begeisternd sind wie CDU und SPD.

Man könnte Israel also anhand der gleichen Maßstäbe kritisieren ist wie jedes andere Exemplar der Sorte Demokratie auch, aber: Rentenkürzungen mögen auch in Israel keine gute Sache sein, während aber die Verschlechterung von Lebensbedingungen in jedem anderen Staat Anlass sein sollte, dessen Legitimität in Frage zu stellen, so bildet Israel auch hier die Ausnahme.Wie Israels Funktion als Klassenstaat sekundär wird vor dem Hintergrund seiner Schutzfunktion gegen den Antisemitismus, so tritt auch die Politik dieses Staates als fortschrittliche oder reaktionäre Politik in den Hintergrund vor der Tatsache, dass sich jede dieser Varianten den Schutz vor den Antisemiten auf die Fahne geschrieben hat.

Manches, was sonst grundlegend gegen den bürgerlichen Staat spricht, ist im Falle Israels sogar notwendig, wenn er seiner Schutzfunktion gerecht werden will – als Beispiel möge hier das Staatsbürgerrecht dienen: Nationen definieren das Eigene bekanntlich durch den Ausschluss derer, die nicht dazugehören – ein Verrat an der Idee der Menschheit, am Gleichheitsversprechen der Aufklärung und erst recht an der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Israel tut zwar scheinbar genau dasselbe, wenn es die Welt rigide in Juden und Nicht-Juden teilt und nur Juden das Recht auf Staatsbürgerschaft zuspricht; es tut scheinbar sogar noch mehr, in dem es Araber, die nun einmal Israelis sind, auch noch benachteiligt, aber wiederum ist im Falle Israels ein anderes Maß anzulegen. Wer Jude ist, bestimmen nämlich trotz aller Definitionsversuche nicht die israelischen Behörden, sondern die Nationen, die Menschen als Juden aus ihrem Kollektiv ausschließen, die Israel dann in sein Kollektiv einschließt.

Die religiöse Lesart, wonach Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertierte, mag den positiven Kern des Staatsbürgerrechts bilden – in der Praxis kann meist der Israeli werden, der als Jude verfolgt wurde und deshalb Schutz sucht. Anders als alle anderen nationalen Kollektive ist das israelische damit letztlich negativ bestimmt: Nämlich als das Kollektiv derer, die in Auschwitz vergast worden wären, und das schließt auch jene als Juden und potentielle Israelis mit ein, die sich, wie Jean Amery vor 1938, solange überhaupt nicht als Juden fühlen, bis sie ins Visier von Antisemiten geraten, danach aber gar nicht anders können, als die ihnen zugeschriebene Identität zu ihrer eigenen zu machen.

Eine Position zwischen Einschluss und Ausschluss nehmen, wie gesagt, die arabischen Israelis ein, die zwar die Staatsbürgerschaft besitzen, juristisch und vor allem praktisch jedoch gegenüber ihren jüdischen Landsleuten benachteiligt sind. Was von Antizionisten nun gern als Rassismus und Apartheid denunziert wird, stellt zwar durchaus eine Diskriminierung dar, ergibt sich aber wiederum als Folge aus der negativen Bestimmung des Kollektivs: Um diejenigen schützen zu können, die von den Nationen als Juden ausgeschlossen werden, muss Israel in der Hand dieser Ausgeschlossenen bleiben, also seinerseits andere ausschließen – sonst gerieten die Juden auf Dauer auch in Israel erneut in die Position, als „die Anderen“ definiert werden zu können, und der Schutz wäre dahin. Ein rassistischer Ausschluss ist das im übrigen nicht: Bekanntlich gibt es russische Juden, mitteleuropäische Juden, arabische Juden und auch schwarze Juden, die aus Äthiopien eingewandert sind – die ethnische Herkunft, für Rassisten bekanntlich das einzige Charakteristikum, spielt für Israel überhaupt keine Rolle; bei den Einwanderern muss es sich einfach um Juden handeln; um religiöse Juden, säkulare Juden oder um solche, die Juden sind, weil sie in ihrer alten Heimat als Juden definiert wurden.

Besonders perfide im Zusammenhang mit Israels Bevölkerungspolitik ist der antizionistische Vorwurf, gerade die Juden hätten doch aus Auschwitz lernen müssen, dass der Ausschluss von Menschen nur zur Katastrophe führe, dass Ungleichbehandlung die Ursache sei für das Leid, das sie selbst ertragen mussten. Die Juden hätten, mit anderen Worten, aus Auschwitz nichts gelernt. Tatsächlich haben sie aus der Vernichtung aber sehr wohl gelernt – allerdings nicht, dass sie am Leben bleiben, wenn sie nur laut genug die Gleichheit all dessen betonen, was Menschenantlitz trägt, sondern, dass sie tot sind, wenn sie sich gegen Antisemiten nicht adäquat verteidigen können.

Fazit: Wenn es einen realen Sinn haben soll, mit Israel solidarisch zu sein, dann muss diese Solidarität auch dem realen Israel gelten, mit all seinen Widersprüchen und Fehlern, und sie muss auch dem jüdischen Israel gelten, denn die israelische Gesellschaft ist auf den nationalistischen Ausschluss „der Anderen“ angewiesen, wenn sie ihren Zweck als Schutzraum weiter erfüllen will. Dieser Ausschluss bedeutet vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts bekanntlich tägliches Leid für die, die von ihm betroffen sind, und das gilt besonders für die Palästinenser, die 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Und damit wären wir bei Frage 3.

Frage 3: Niemand, der damals gegen Eure Kundgebung demonstriert hat, wollte doch Israels Existenzrecht in Frage stellen, alle waren nur gegen Eure Kriegstreiberei: Ihr seid einseitig auf die Leiden der Israelis fixiert und ignoriert das palästinensische Leid, das die israelische Besatzung verursacht. Kaum jemand versteht sich noch als Antisemit, und die meisten Linken sind auch längst keine Antizionisten mehr – sie alle wollen eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung. In dem Flugblatt, das Eure Kritiker verteilt haben, stand die Forderung „Für das Leben aller Menschen in Israel und Palästina.“ Wie könnt Ihr das zurückweisen? Wollt ihr denn, dass das Sterben weitergeht? Seid Ihr wirklich Rassisten?

Wo fängt man da an? Vielleicht mit einer Reihe von Disclaimern: Allen Gerüchten zum Trotz haben Antideutsche nichts gegen Frieden im Allgemeinen und gegen eine Zwei-Staaten-Lösung in Nahost im Besonderen auch nicht; wir wollen, dass das Sterben aufhört, haben nichts gegen ein gutes Leben für alle Menschen in Israel und Palästina, und wir glauben auch nicht, das Israelis den Palästinensern qua Herkunft in irgendeiner Form überlegen wären. Wer anderes behauptet sitzt, bestenfalls einem Missverständnis auf, in der Regel ist er aber Opfer seiner eigenen antizionistischen Ressentiments und glaubt, Israel betreibe die Besatzung aus Profitgier, aus Lust an der Unterdrückung oder um ein Groß-Israel zwischen Euphrat und Tigris zu errichten – womit er gleich den pathologischen Charakter des Antizionismus verdeutlicht, der offenbar gar nicht anders kann, als Israel gedanklich in Nazi-Deutschland zu verwandeln, und einen Expansionismus entdeckt, wo seit 20 Jahren nur Rückzug stattfindet: Rückzug aus dem Sinai, Rückzug aus Teilen des Westjordanlandes, Rückzug aus dem Libanon und Rückzug aus dem Gaza-Streifen.

Dieser Befund, dass der antizionistische Blick auf Israel ein verzerrter ist, ändert aber nichts daran, das Israel Krieg führt, und das die Palästinenser darunter zu leiden haben – unter der Vertreibung 1948, unter der Besatzung seit 1967, unter dem Libanonkrieg und seinen Folgen, unter Siedlungspolitik und Schutzzaun, und Bulldozern, die Olivenhaine fällen und Häuser niederreißen. Kann man, mit diesen Fakten im Kopf, noch bestreiten, dass die bloße Existenz dieses Staates für die Palästinenser eine Katastrophe ist? Man kann, und wenn man ernsthaft will, das die Leidensgeschichte der Palästinenser endlich aufhört, dann muss man sogar.

Wer sich die Geschichte des Nahostkonflikts anschaut, wird erkennen, dass es sich bei dem sogenannten „Widerstand“ palästinensischer Gruppen gegen israelische Unterdrückung um eine self-fulfilling prophecy erster Güte handelt – andersherum: Die Unterdrückung mag zwar alle Palästinenser treffen, sie richtet sich aber gegen die kämpfenden Feinde Israels; schaffen es die Palästinenser, diesen Feinden den Boden zu entziehen, ist damit noch nicht der Konflikt beendet, aber der Weg wäre offen für echte Verhandlungen um eine echte Zwei-Staaten-Lösung. Solange jedoch der „Widerstand“ weiter geht, weil Gruppen wie die Hamas, der Islamische Djihad oder die Al-Aksa-Brigaden für die „Befreiung Palästinas“, sprich Auslöschung Israels, kämpfen, solange wird auch die Unterdrückung andauern.

Dass diese Unterdrückung ihren Grund hat im Widerstand gegen die Unterdrückung, ist kein dialektisches Verwirrspiel, und deshalb lässt sich die These auch nicht umkehren nach dem Muster, dass dann ja auch der Widerstand seine Ursache habe in der Unterdrückung des Widerstands. Diese Umkehrung würde nämlich verleugnen, dass bereits seit den 30er Jahren ein arabischer bzw.islamischer Antisemitismus besteht, der die zionistischen Einwanderer aus Palästina, so nicht gleich ermorden, so doch aus dem Land jagen will. Zwar führten die jüdischen Einwanderungswellen auch zu materiell motivierten Konflikten um Land und Ressourcen, wie sie überall auftauchen, wo eine Masseneinwanderung in besiedeltes Gebiet stattfindet, aber diese Konflikte erklären nicht den Hass, mit der die herrschende Fraktion der palästinensischen Araber nicht nur die Juden bekämpfte, sondern auch jene anfangs nicht zu unterschätzende Gruppe von Arabern, die die Juden willkommen hießen und mit ihnen Handel treiben wollte.

Aber die antisemitische Fraktion behielt bekanntlich die Oberhand; während des Krieges paktierte der damalige Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, mit der SS, die in der Nachhut von Rommels Afrikakorps bereit stand, die Juden in Palästina mit Hilfe des Muftis und seiner Anhänger zu vernichten. Als die Engländer vor 60 Jahren aus Palästina abzogen, und die Juden den Staat Israel proklamierten, bekannten sie sich offen um UN-Teilungsplan, der vorsah, das Land Halbe/Halbe an Juden und Araber zu verteilen. Erst der Überfall sämtlicher arabischer Anrhainerstaaten auf Israel führte dann zu jenen Vertreibungen, die die Palästinenser bis heute als Katastrophe bezeichnen. Dass es für sie, über die erlebten Kriegsgräuel und den verlorenen Besitz hinaus, tatsächlich eine Katastrophe wurde, liegt nun nicht zuletzt daran, dass die sogenannten arabischen Brüder die Palästinenser nicht etwa in ihren Staaten ansiedelten, sondern sie an der Grenze Israels in Lagern einpferchten, um sie als politisch provozierte humanitäre Dauerkrise zur moralischen Waffe gegen Israel zu machen.

Wäre es ein Problem gewesen, 750.000 Menschen aus einem Land so groß wie Hessen in einer Weltregion anzusiedeln, die von Bagdad bis nach Marrakesch reicht und vom Nordirak bis ans Horn von Afrika? Wohl kaum, nur hätte man deren Misere dann nicht mehr als Anklage gegen einen Staat verwenden können, den der arabische Nationalismus wie der erst später relevante Djihadismus als Stachel in ihrem Fleisch begreifen. Von Anfang war die vorgebliche Sorge um die Palästinenser nichts als Heuchelei, bis heute ist die Lage in den Flüchtlingslagern etwa im Libanon oft verzweifelter als die unter israelischer Besatzung und das größte Massaker unter Palästinensern hat nicht etwa Israel auf dem Kerbholz, sondern Jordanien – im „Schwarzen September“ 1970 ließ König Hussein Flüchtlingslager bei Amman bombardieren, um die PLO zu zerschlagen; bis zu 5000 Menschen wurden dabei getötet – an einem einzigen Tag mehr als durch Israels Armee während der gesamten Al-Aksa-Intifada.

Heute sind es zwar palästinensische Gruppen, die für palästinensische Interessen zu kämpfen vorgeben, aber das Grundproblem ist geblieben: Ob die Nationalisten von den Al-Aksa-Brigaden oder die Djihadisten von der Hamas – ihr unmittelbares Ziel ist die Zerschlagung Israels und die Vernichtung von Juden. Unterstellung? Mitnichten, sie schreiben das selbst, Zitat Art. 7 der Hamas- Charta: „Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken und jeder Baum und Stein wird sagen: ‚Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!‘“

Das Leiden der Palästinenser interessiert diese Leute nur als Ansatzpunkt für ihre Hetze; nach der erfolgreichen Beseitigung des Judenstaates ist ihre Verwandlung in Untertanen einer islamistischen Tugendherrschaft vorgesehen, in der Verschleierung Zwang ist und Diskos verboten sind, in der Schwule gehängt werden und Ehebrecherinnen gesteinigt. Aber das nur am Rande – festzuhalten ist, dass diese Gruppen Verhandlungen mit Israel nur aus taktischen Gründen führen, während sie in Wahrheit den Krieg solange fortsetzen wollen, bis die Israelis zermürbt sind und Israel verschwindet.

Das heißt im Umkehrschluss: Solange diese Gruppen nicht verschwunden sind, muss Israel seinerseits die Besatzung oder, wie jetzt in Gaza, die Option auf Militärschläge aufrechterhalten, wenn es die erklärten Judenmörder unter Kontrolle behalten will. Die Checkpoints stellen eine tägliche Schikane dar für Hunderttausende, aber sie hindern die Djihadisten daran, Sprengstoff und Kassam-Raketen unkontrolliert verbreiten zu können. Der Sperrzaun trennt ganze Dörfer von der Außenwelt ab, aber er hindert Selbstmordbomber daran, sich in israelischen Cafés in die Luft zu jagen.

Wer nun meint, die Selbstmordbomber handelten nur aus Verzweiflung, es gäbe sie also nur, weil es den Sperrzaun gibt und weil die Checkpoints eine Schikane darstellen, der ist der Propaganda der Djihadisten schon aufgesessen. Solche Leute faseln dann von der „Spirale der Gewalt“, die es zu durchbrechen gelte, und werfen Israel vor, die Hamas als Terrororganisation zu diffamieren, statt das Gespräch wenigstens mit jenem ominösen „gemäßigten Flügel“ zu suchen, der nirgendwo anders existiert als in ihrer Fantasie. Denn wie gemäßigt kann wohl sein, wer sogar Steine und Bäume für potentielle Verbündete beim Judenmord hält?

Leider ist nicht erkennbar, welche Kräfte in Palästina stark genug wären, sich diese Antisemiten-Pest vom Hals zu schaffen, sie zu ersetzen durch säkulare, tatsächlich an Ausgleich interessierte Kräfte, und damit erst die Voraussetzungen herzustellen für ein Ende der Besatzung und den viel beschworenen „gerechten Frieden“ im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung. Solange sich Hamas und Konsorten in den Palästinensergebieten bewegen können wie die Fische im Wasser, solange ist die Forderung, Israel solle die Besatzung beenden und einen Staat Palästina anerkennen, gleichbedeutend mit Forderung, es möge sich selbst aufgeben. Da mag sein Existenzrecht noch so oft und feierlich betont werden – wer Israel zum Frieden mit Hamas, Hisbollah, etc. zwingen will, der stellt das Existenzrecht des Judenstaates de facto zur Disposition.

Die Antwort auf Frage 3) lautet in diesem Sinne: Niemand ist gegen einen „gerechten Frieden“, der hat aber zur Voraussetzung, das Hamas und Co. verschwinden und der sogenannte Widerstand aufhört, bei dem es sich in Wahrheit nicht um Widerstand handelt, sondern um den Versuch, Israel zu zermürben, letztlich um Judenmord in kleinen Dosen. Israel hat sich bei seiner Gründung vor 60 Jahren zur Zwei-Staaten-Lösung bekannt – Realität kann diese Lösung aber erst werden, wenn auch der palästinensische Mainstream Israel ernsthaft anerkennt und als Nachbarn akzeptiert. Solange sich jeder Schritt in diese Richtung als Tarnung entpuppt für einen Schritt in die Gegenrichtung, solange wird der Krieg in Nahost weitergehen.

So weit, so schlecht, bleibt abschließend die Frage 4) übrig und die Auskunft darüber, wieso sich Kommunist nennen kann, wer einen kapitalistischen Staat unterstützt, also:

Frage 4) Wenn Ihr Kommunisten seid, wie Ihr behauptet, dann müsst ihr Kapitalismus und Nationalismus bekämpfen. Das schließt doch aber aus, dass Ihr mit einem kapitalistischen Nationalstaat wie Israel solidarisch seid! Und wenn ihr mit ihm solidarisch seid, dann seid ihr eben keine Kommunisten mehr – beides zusammen geht jedenfalls nicht! Q.E.D – was könnt Ihr gegen diese Beweisführung noch einwenden?

Das ist, in der Tat, schwer zu beantworten, und vorausgeschickt sei gleich: Der Widerspruch wird sich nicht auflösen lassen, er ist einfach da. Bislang ging es darum zu zeigen, warum mit Israel solidarisch sein muss, wer den Antisemitismus als einen Wahn erkannt hat, ohne den die moderne Gesellschaft nicht zu haben ist. Es ging ebenfalls um die Gründe, warum die Kritik von Staat und Kapital zurücktritt, wenn es um Israel geht, aber da beginnt doch schon die Krux – damit ist ja gerade belegt, das beides zusammen nicht geht: Kommunistische Kritik zielt auch auf Israel, weil Israel zu jener Welt von Staat und Kapital gehört, die die Kritik überwinden will; Solidarität mit Israel erledigt ihrerseits die kommunistische Kritik, weil sie nur möglich ist durch einen positiven Bezug auf Staat und Kapital und die Grundlagen der Kritik somit außer Kraft setzt. Rein logisch ist es also tatsächlich unmöglich, gleichzeitig festzuhalten an der Kritik in kommunistischer Absicht und an der Solidarität mit Israel.

Das Dilemma für die Kommunisten, das sich hinter diesem Befund verbirgt, lässt sich illustrieren am Unterschied zwischen den Kategorischen Imperativen von Marx und Adorno. Marx hatte gefordert, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes und verächtliches Wesen ist – und damit den Kommunisten ihre Lebensaufgabe erteilt.

Nach Auschwitz schrieb Adorno in Bezug auf Marx, Hitler habe den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen Kategorischen Imperativ
aufgezwungen: nämlich die Verhältnisse so einzurichten, dass Auschwitz und Ähnliches sich nicht mehr wiederholen mögen. Was bei Marx die Forderung nach kommunistischer Kritik war, wird bei Adorno, praktisch gesehen, die Forderung nach Solidarität mit Israel. Adorno nimmt dem Marxschen Imperativ scheinbar sein transzendentes Moment – seine Auftrag bezieht sich zunächst nicht auf eine andere Gesellschaft, nach deren Verwirklichung man zu trachten habe; er bezieht sich auf die gegebenen, unfreien Verhältnisse, unter deren Fortwesen jetzt alles getan werden müsse, ein zweites Mal zu verhindern.

Aber: Adornos Imperativ hebt den älteren von Marx zwar auf, indem er auf das Scheitern der Emanzipation reflektiert: Durch Auschwitz ist eben offenbar geworden, das keine »wirkliche Bewegung« existiert, die vom kapitalistischen Hier und Jetzt unmittelbar in Richtung eines Morgen strebte, in dem die Menschheit als Freie Assoziation mit sich selbst versöhnt wäre und der Antisemitismus Geschichte.

Trotzdem ersetzt Adorno den Marxschen Imperativ auch keineswegs einfach durch einen neuen, sondern er bewahrt dessen Gehalt – denn letztlich wäre ja nur die befreite Gesellschaft so eingerichtet, dass die Wiederholung der Vernichtung endgültig auszuschließen wäre; womit Adornos Imperativ nur dann wirklich einzulösen wäre, wenn gleichzeitig der Marxsche mit eingelöst wird. Diesen Überlegungen folgend wäre es also notwendig, Kommunistische Kritik und Israelsolidarität aller Logik zum Trotz als zwei Momente der selben Sache zu betrachten – kommunistische Kritik kann nach Auschwitz nur weiterleben, wenn sie aus der Vernichtung die Konsequenz zieht, das ganz und gar nicht kommunistische Israel vorbehaltlos zu unterstützen; andersherum besteht für die Israelis und die Juden allgemein nur dann die Chance auf wirkliche Emanzipation von der antisemitischen Vernichtungsdrohung, wenn Israel nicht bis in alle Ewigkeit eine waffenstarrende Festung bleiben müsste, wenn also eine Perspektive bestünde auf das Ende des scheinbar ewigen Antisemitismus, womit dann auch die Israelsolidarität ihrerseits auf den Erfolg der kommunistischen Kritik angewiesen ist – als Bedingung dafür, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden.

Bis dahin, also bis in unabsehbare Zeit, gilt das, was die Imperative von Marx und Adorno wirklich unterscheidet: Marx zielt auf die Einlösung eines Versprechens, auf den Beginn einer Geschichte, die irgendwo jenseits der existierenden Gesellschaft liegt; Adorno will sich nicht soweit
hinauswagen, solange im hier und jetzt ein zweites Auschwitz möglich ist – sein Imperativ gilt auch und gerade dann, wenn die Revolution ausbleibt, und der Mensch geknechtet und verächtlich bleibt.

Die Juden, seit Jahrhunderten besonders geknechtet und besonders verächtlich gemacht, haben dank Israel heute einen Ort, der zwar keine vollständige Emanzipation erlaubt, an dem sie aber mit dem Rest der Gattung gleichziehen können, wie es Ephraim Kishon einmal so umschrieb: „Von wo auch immer ein Israeli sein Land betrachtet, es ist das einzige Land, das ihm gehört, das einzige Land auf Erden, in dem ein Jude kein Jude mehr ist. Er möchte stolz darauf sein, ein Israeli zu sein – ein Mensch wie alle anderen auch.“