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Sex, Gewalt- und die Macht, zu definieren

Wenn es um Sex geht, spielt allzu oft auch Gewalt eine Rolle, und in den meisten solcher Fälle handelt es sich bei den Tätern um Männer, bei den Opfern um Frauen. Dies als Problem zu begreifen, ist mittlerweile Teil des öffentlichen Bewusstseins, des gesunden oder eher des gemeinen Menschenverstandes. Entsprechend wird vorgebaut, und Konventionen, die den konkreten Fall verhindern bzw. ahnden sollen, erstrecken sich über die Rechtsprechung hinaus in die Firmenpolitik, die Gastronomie oder das Vereinswesen. Gleichzeitig jedoch sind weite Teile der Gesellschaft nach wie vor blind für das Problem, und die Gewalt dauert an.

Die linke Szene begegnet diesem Umstand mit Debatten über die „Definitionsmacht der Frau“, in deren Rahmen häufi g auch die Namen von mutmaßlichen Tätern veröffentlicht werden. Die Verhandlung von Privatem in der Szeneöffentlichkeit soll stattfinden im Interesse der jeweiligen Opfer, um insbesondere deren Bewegungsfreiheit in Szenelokalen zu gewährleisten. Ob sich der Vorwurf nun auf eine Vergewaltigung bezieht oder als Grenzüberschreitung gefasst wird – allein das Opfer soll defi nieren können, um was es sich gehandelt habe. Eine Beschäftigung mit dem, was passiert ist, soll ausgeschlossen sein. Die Vollstreckung des Urteils liegt dann meist bei einem „UnterstützerInnenkreis“; das Strafmaß reicht vom Hausverbot über die Veröffentlichung der Identität bis zur Anwendung von Gewalt.

Das linke Treiben um die Defi nitionsmacht hält sich selbst für den avanciertesten Umgang mit sexueller Gewalt, der unter den herrschenden Verhältnissen möglich sei – dies jedoch ist mehr als fraglich. Können denn Outing und Drohungen gegen den mutmaßlichen Täter helfen, ihn von seinem Tun abzuhalten? Eher nicht, wenn selbst der Sanktionsapparat des Staates an diesem Vorhaben oft genug scheitert. Nicht selten schlägt die uneingestandene Hilflosigkeit gegenüber dem Phänomen im Allgemeinen um in Exzesse der Strafverfolgung im Konkreten. Sie werden, nach dem Motto »Täterschützer raus«, auch schon mal auf das Umfeld des Beschuldigten ausgedehnt, ohne dem Problem auch nur im Ansatz beizukommen.

Zudem krankt das Konzept Defi nionsmacht an einem patriarchalen Frauenbild: Dem Mann fällt die Rolle des aktiven, letztlich aggressiven Subjekts der Sexualität zu, während die Frau per se das passive, die Lust des anderen nur erduldende Objekt darstellen soll. Noch der übelste Macker darf sich als Antisexist fühlen, wenn er einen vermeintlichen Sexisten aus dem JuzI entfernt, um die weiblichen Gäste vor der Gefahr zu beschützen. In Wahrheit handelt er dabei wie der Ritter, der die holde, gar hilflose Prinzessin vor dem Drachen errettet – Emanzipation geht anders.

In der Praxis bekämpft die Szene mit dem Konzept Definitionsmacht weder die sexuelle Gewalt, noch vertritt sie die Interessen der Opfer. Vielmehr gerät ihr die Verfolgung der mutmaßlichen Täter zum Selbstzweck – sie wird zur Ersatzbefriedigung; gegen die Gewalt als solche richtet sie nichts aus.

Veranstaltung mit
Lars Quadfasel
und Carmen Dehnert
Dienstag, den 4. November
20 Uhr
APEX, Burgstraße