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Offener Brief zur Israel-Filmreihe im Lumière

Offener Brief zur Israel-Filmreihe im Lumière
Göttingen, den 22. Juni 2008

Liebe Film- und Kinoinitiative, liebes Lumière,

wir waren zunächst erfreut, als wir erfuhren, dass Sie den 60. Gründungstag Israels mit einer eigenen Filmreihe würdigen wollten – Eine solche Reihe, so hofften wir, würde folgendes zeigen: Der Staat Israel ist die praktische Konsequenz der Juden aus Auschwitz, er ist der bewaffnete Schutzraum, der verhindern soll, das Auschwitz sich wiederholen kann, aber andererseits ist er seit dem Tag seiner Gründung selbst von der Vernichtung durch arabische Antisemiten bedroht. Diese Fakten können gar nicht oft genug gezeigt werden in einer Öffentlichkeit wie der deutschen, und es gibt zahlreiche Filme, die hervorragend zu diesem Zweck geeignet sind. Umso ärgerlicher erscheint uns deshalb, wie die Israel-Reihe dann zustande kam und was letztlich aus ihr geworden ist.

Unsere Kritik bezieht sich auf zwei Umstände: Zum einen haben Sie bei der Konzeption den jüdischen Organisationen in Göttingen offenbar jegliche Mitwirkungsmöglichkeit versagt – uns ist bekannt, dass zumindest die Jüdische Kultusgemeinde zurückgewiesen wurde, als sie an einigen Filmen, die Sie zeigen, Kritik übte und eigene Vorschläge einbringen wollte. Ein glatter Affront, dessen Ursache unserer Vermutung nach schlicht in politischem Kalkül zu suchen ist: Gut möglich, dass die Kultusgemeinde auf einer deutlichen Positionierung der Reihe im Nahost-Konflikt bestanden, Ihnen gar ein Bekenntnis zur Solidarität mit Israel abverlangt hätte. Sie aber bedienen ein links-alternatives Publikum, dass zu einem nicht geringen Teil antizionistisch und damit pro-palästinensisch geprägt ist; ein offenes Bekenntnis zu Israel läge deshalb so wenig in Ihrem Interesse wie ein öffentlicher Streit mit Göttinger Juden. Aus Ihrer Sicht ein peinliches Dilemma, das Sie zu umgehen suchten, indem sie die angebotene Zusammenarbeit einfach verweigerten.

Der andere Umstand, den wir zu kritisieren haben, ist Ihre Filmauswahl: Mit Ausnahme von „Yanas Freunde“ ignoriert sie genau jene Konstellation, die Israel zu einem so besonderen Staat unter den Staaten macht. Sie hätten die hervorragenden Werke Claude Lanzmanns über Israel zeigen können, „Tsahal“ etwa, oder „Warum Israel“; Sie hätten „Beaufort“ zeigen können, eine Literaturverfilmung über das Spannungsverhältnis von Krieg und Politik, die auf der Berlinale 2007 gefeiert wurde – doch statt dessen haben Sie sich z.B. für den Film „Die Band von nebenan“ entschieden, also im wahrsten Sinne des Wortes für nette Unterhaltung, mit freundlichen ägyptischen Militärmusikern als Protagonisten – für nette Unterhaltung, die freilich nur deshalb funktioniert, weil sie die Realität der ägyptischen Gesellschaft ausklammert. Dort laufen nämlich die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Straßenfeger im Fernsehen, dort ist Hitlers „Mein Kampf“ ein Bestseller, und dort kritisieren vorgeblich liberale Publizisten die Nazis allen Ernstes dafür, dass sie bei der Judenvernichtung so halbherzig gewesen seien – kein Wort darüber in ihrem Programm.

Den Tiefpunkt Ihrer Reihe bildet jedoch ohne Frage der Film „Kadosh“, den Sie am 22. und 23. Juni zeigen. „Kadosh“ gibt vor, die gewiss nicht schönen Verhältnisse in den ultraorthodoxen Vierteln Jerusalems zu zeigen, liefert tatsächlich jedoch nichts als Ethnoklischees und Tränendrüsendramatik. Der jüdische Journalist Hannes Stein schreibt von einem „voyeuristischen Streifen“, der viele Europäer vor allem deshalb entzücke, „weil sie unter verdrucksten Schuldgefühlen leiden, die nur durch authentische Geschichten über gemeine Juden gelindert werden können.“ Steins Fazit: Ein „antisemitischer Film aus Israel“ – der auch nicht durch eine Empfehlung von der israelischen Botschaft zu retten ist. (Den vollständigen Artikel von Hannes Stein dokumentieren wir auf der Rückseite.)

Wer Adornos kategorischen Imperativ ernstnimmt, wonach heute alles zu unternehmen sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, der muss sich mit Israel solidarisch erklären – auch und gerade wenn das eine unbequeme Position ist, mit der man sich weder unter Deutschen im Allgemeinen noch unter der linksalternativen Programmkino-Klientel im Besonderen viele Freunde macht. Ihre Filmreihe hätte die Möglichkeit geboten, genau das zum Thema zu machen. Statt jedoch diese Gelegenheit zu nutzen, verweigern sie jede Positionierung für die israelische Seite und beschweigen den Nahost-Konflikt in scheinbarer Äquidistanz. Tatsächlich aber kann es Äquidistanz in Bezug auf Israel nicht geben, denn der Versuch, sich herauszuhalten, sich die Hände nicht schmutzig zu machen, gerät zur ungewollten Zustimmung zu jenen, die die Vernichtung Israels zu ihrem Existenzzweck erklärt haben.

Wir werden im September das Thema Israel noch einmal in die Göttinger Öffentlichkeit bringen. Gemeinsam mit der Jüdischen Kultusgemeinde haben wir den ehemaligen Botschafter Israels, Shimon Stein, zu einer Veranstaltung eingeladen, und dort werden wir wenigstens auszugsweise den oben angesprochenen Film „Warum Israel“ von Claude Lanzmann zeigen. Die Termine geben wir demnächst bekannt.

Mit freundlichen Grüßen
[a:ka] göttingen

Brief im PDF-Format gibts hier