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Der Wert und das Es

Buchvorstellung mit Uli Krug
am Mitwwoch, den 11.10.2017 um 20:00Uhr
im Bistro Löwenstein (Rote Straße 28)

Man hat sich bereits allzu sehr daran gewöhnt, dass die Krise des politischen Bewusstseins viel tiefer reicht, als es die tatsächliche Krise politischer Repräsentation wie ökonomischer Reproduktion eigentlich rechtfertigt: Weltherrschaftsfantasien, Verschwörungsdenken, antiwissenschaftliche Affekte und Vernunftfeindlichkeit im allgemeinen – wenn man so wollte: das antisemitische Syndrom – haben das gesellschaftliche Denken bereits so stark affiziert, dass sie es im Grunde auch da noch bestimmen, wo man noch genügend Restvernunft besitzt, wenigstens die Exzesse dieses Syndroms zurückzuweisen.
Zu zeigen, dass diese Regression systematischen Charakter besitzt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Charakterwandel der Gesellschaft und dem Wandel des gesellschaftlich vorherrschenden Charakters, ist Anliegen von „Der Wert und das Es“. Das Buch schlägt vor, die vollendete Selbsttätigkeit des fixen Kapitals als das sozusagen äußere Es der Gesellschaft zu begreifen, als jenen Trieburgrund, der die Kontrolle des Individuums bricht, während im Inneren dieses entmachteten Individuums das Verdrängte die Kontrolle durchs Ich abschüttelt – also das innere Es Verhalten und Verstand regelrecht in seinen Dienst zu stellen beginnt.
Hierin dürfte der Grund dafür liegen, dass das krisenhafte Prozessieren des „automatischen Subjekts“ letztlich in Kategorien infantiler Sexualtheorien – magisches Denken ist ihr Indikator ebenso wie die verallgemeinerte Feindseligkeit, die sich die Außenwelt prinzipiell nur als generalisierten Missbrauch vorstellen kann – erfahren und ausgedrückt wird.
Deshalb sind Marxismus und Psychoanalyse zwar epistemologisch grundverschieden und gehören trotzdem, sofern beide ihr jeweiligen kritischen Gehalt bewahren möchten, auf Gedeih und Verderb zusammen. Das gilt spätestens seit jenem Zeitpunkt, ab dem der Kapitalismus nur noch auf Kosten des von ihm einst mitgeführten äußeren wie inneren Fortschritts weiterzuleben vermochte und vermag; jenem Zeitpunkt in etwa, den Wolfgang Pohrt als den identifizierte, an dem das Kapital seinen historischen Gebrauchswert zerstörte. Und genau deshalb bedeutet Verzicht auf psychoanalytische Erkenntnis heute mehr denn je Verzicht auf Kritik überhaupt.

Anmerkungen zur Ausstellung „Ride for Justice“ an der Universität Göttingen und Kommentar zur Stellungnahme des Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus – Jachad

Mit der Eröffnung von „Ride for Justice“ im KWZ der Uni Göttingen am kommenden Sonntag setzt sich die Reihe von Ausstellungen fort, die antisemitisch intendierte Veranstaltungen in Göttingen hoffähig zu machen suchen. Nach der unsäglichen Nakba-Ausstellung sind solche Darstellungen offensichtlich durch mehr gedeckt als durch den Verweis auf die Meinungsfreiheit.

Im Rahmen zur Vortragsreihe „Ride for Justice“ im Göttinger Künstlerhaus haben Referenten wie Irene Schneider, Ekkehart Drost und Weitere keinen Zweifel daran gelassen, dass Schuldzuweisungen an Israel durchaus der Zweck der ganzen Veranstaltung sind. Die Fülle der dafür hergenommenen Darstellungsformen wird schon mühsam aufzuzählen. Aber es bleibt leider zu betonen, was sich hinter den Fotos von malenden Kindern, den Klavierkonzerten und der scheinheiligen Naivität eines Freedom-Bus verbirgt: Eine Weltsicht, in der Israel die Schuld am Leid im Nahen Osten allein aufgrund seiner Existenz trägt.

Die Mühe, diesen Sachverhalt im Detail nachzuweisen, hat sich das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus (folgend Jachad) gemacht, nachzulesen in ihrem Blogpost „diese unsägliche Antisemitismusdiskussion“. Sie wurden zum Beispiel fündig in der Anknüpfung an die Brunnenvergifter-Metaphorik durch Herr Drost. Oder auch in der Argumentationsstruktur von Frau Schneider, die vorige Ausstellungen mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit zu verteidigen wusste, um dann erst in ihrem Referat damit herauszurücken, dass der Begriff des Antisemitismus in ihrer (also der postkolonialen) Perspektive generell „nichts zu suchen“ hat.

Jachad unterlässt es sowohl dort, als auch in der folgenden Stellungnahme, das Offensichtliche auszusprechen: Dass „Ride for Justice“ eine antisemitische Ausstellung ist und ihre Betreiber und Unterstützer Antisemiten sind.

Freilich sind antisemitische Äußerungen in solchem Grad von der Meinungsfreiheit gedeckt. Dass für die Göttinger Universität nun auch die Wissenschaftsfreiheit dafür herhalten muss, der Verdammung Israels ein Dach zu geben, lässt die Mühe um Argumentationen oder Details vergeblich erscheinen. In anderen Zusammenhängen ist das Schlagwort von der Meinungsfreiheit schon länger zum Deckmantel des Ressentiments geworden ist. Offenbar bleibt das auch dem Begriff der Wissenschaftsfreiheit nicht erspart. Offenbar gewährt die vorgebliche Bindung an die Wahrheit keinen Schutz vor dieser Regression.

Dem entgegen bleibt festzuhalten, dass, wer Antisemitismus kritisieren möchte, den Begriff für die Feindschaft gegen Juden auch aussprechen können muss. Davor zurückzuschrecken, weil einem die Antisemiten, mit der Metapher einer geschwungenen Keule, Gewalt vorwerfen, ist nicht nur sachlich unangemessen. Es fällt auch in eine Form der Öffentlichkeit, die selbst Bedingung der Möglichkeit ist, dass Antisemitismus zunehmend hoffähig wird.

Integrationsrat finanziert Israel-Hasser

Am 3. März soll in den Räumen der Georg-August-Universität ein Film über die sogenannte „Nakba“ präsentiert werden. Organisator der Veranstaltung ist jene „Aktion gerechter Frieden Nahost“ (AgFN), die in Göttingen schon länger mit israelfeindlichen Positionen bis hin zum Antisemitismus in Erscheinung tritt. So war die AgFN an den israelfeindlichen Demonstrationen des vergangenen Sommers beteiligt, bei denen es zu Übergriffen auf friedliche Gegendemonstranten kam. Regelmäßig veranstaltet die Gruppe Vorträge, in denen Israel angegriffen wird, während etwa gleichzeitig antisemitische Terrororganisationen wie die Hamas verharmlost werden.
Den Charakter dieser Gruppe kann jeder kennen, der ihn kennen möchte – und dennoch wird die Hasspropaganda gegen den Staat der Juden diesmal von der Stadt Göttingen offiziell gefördert; genauer gesagt von ihrem Integrationsrat und ihrem Kulturausschuss.
Es geht, wie gesagt, um einen Film über den Mythos „Nakba“. Der Begriff bezieht sich auf die geschichtsrevisionistische These, wonach die Gründung des Staates Israel mit einer planmäßigen Vertreibung der dort ansässigen Araber einhergegangen sei. Diese These entbehrt jedoch nicht nur jeder Belege, sondern sie ist Teil einer Strategie, den jüdischen Staat als „kolonialistisches“ und „rassistisches“ Projekt zu dämonisieren. 1948 hatte die arabische Welt das frisch gegründete Israel überfallen und den daraus resultierenden Krieg überraschend verloren. Statt nun die in Folge des Krieges geflohenen Menschen in ihre Gesellschaften zu integrieren, pferchten die arabischen Herrscher sie in Flüchtlingslagern an der Grenze zusammen und machten sie so zur moralischen und demographischen Waffe gegen Israel – der Ursprung jenes elenden Zustands, in dem auch die Kinder und Kindeskinder der Geflohenen als Flüchtlinge gelten. Flüchtlinge, deren Hoffnung im „Recht auf Rückkehr“ in ein Land bestehen soll, das sie noch nie betreten haben.
Die pseudo-humanistische Forderung nach diesem „Rückkehrrecht“ entpuppt sich als Strategie zur Zerstörung des jüdischen Staates, und genau diese Strategie begreift die AgFN als ihr Projekt: Arabische Masseneinwanderung soll die Juden zu einer Minderheit im eigenen Lande machen.Hintertrieben wird damit der Status Israels als Heimstatt der vom Antisemitismus Bedrohten.
Die Stadt Göttingen ist gefordert, sich klar gegen jeden Judenhass zu stellen – auch gegen solchen, der sich heute in politisch korrektem Duktus als „Israelkritik“ präsentiert und auf Humanismus macht. Tatsächlich steht diese modernisierte Variante dem klassischen Antisemitismus in Perfidie und Ranküne kaum nach.
Projekte wie der AgFN verdienen keine Unterstützung, weder politisch noch finanziell. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem Gewalt und Hetze gegen Juden zunimmt, gilt es einzuschreiten. Unter dem Label der Integrationspolitik Veranstaltungen zu finanzieren, bei denen zum Hass angestachelt wird, ist ein fatales Signal und darf nicht weiter geschehen, wenn sich die antisemitischen Gewalttaten des Sommers nicht wiederholen sollen.

Anmerkungen zum Geschehen in Göttingen anlässlich des aktuellen Gaza-Krieges

Es fällt oftmals schwer, sich noch über das Vorgehen der Polizei zu mokieren. Zu oft erscheinen ihr Vorgehen wie auch ihre Äußerungen nicht nur lustlos und unzureichend, sondern eben auch feindselig – insbesondere wenn es um Politik geht.
Wer das Geschehen um die letzten Demonstrationen „gegen den Krieg in Gaza“ verfolgte, musste so etwa das Gefühl bekommen, dass es gewollt sei, dass die unter diesem Motto versammelten Demonstranten einen antisemitischen Mob formieren. Und dies nicht nur in Göttingen, wo eine lächerlich kleine Menge Polizisten die Israel-solidarische Gegenkundgebung nicht schützen konnte, sondern über das ganze Bundesgebiet verteilt.
Dass die hiesige Polizei in ihrer Presseerklärung dann auch noch die getragenen Israelfahnen zur Provokation und dem eigentlichen Grund der Angriffe erklärte, musste das Gefühl noch verstärken, dass einen Solidarität mit Israel zum Staatsfeind macht.

Das Gefühl täuschte, es wurde in den Tagen darauf vom Innenminister, vom Bundespräsidenten und der Kanzlerin bestätigt: In Wirklichkeit haben die Manifestationen der Solidarität mit Israel die erklärte deutsche Staatsraison verteidigt, zu der die „Sicherheit Israels“ unverbrüchlich gehöre. Nur ist es so, dass diese Staatsraison niemanden kümmert, der nicht mit internationaler Diplomatie sein Geld verdient.
Auf der Straße ging es in den folgenden Tagen zwar etwas geordneter zu, die Polizei ließ keinen offensichtlichen Kontrollverlust mehr zu. Aber die Rufe „Kindermörder Israel“ gepaart mit der gelegentlichen Beschimpfung „Judenschwein“ blieben stehen als legitime Meinungsäußerung.
An anderer Stelle wird geklärt werden müssen, was eigentlich los ist, wenn die Polizei zur Durchsetzung der Staatsraison gezwungen, die Regierung sich gegen die öffentliche Meinung wenden muss.
Hier muss sich auf eine zusammengezogene Darstellung der Situation beschränkt werden.

Wenn die Hamas den Raketenbeschuss auf Israel als eine Verteidigungsmaßnahme darstellt, dann ist der Angriff, der dabei behauptet wird, die bloße Existenz Israels.
Die anti-israelischen Demonstranten folgen dieser Linie: Die Angriffe auf eine Gegenkundgebung waren eine Verteidigung gegen die symbolische Präsenz Israels durch die Nationalfahne. Gewalt braucht keine Legitimierung mehr, wenn es gegen den jüdischen Staat geht.
Dies funktioniert nur in dem massenmedialen Rahmen, der an dem tragischen Bodycount der Bewohner Gazas mehr Interesse findet als an seiner Ursache. Jedem, der es wissen will, ist bekannt, dass die Hamas alles tut, um die zivilen Opferzahlen so hoch wie möglich zu treiben – es wird aber kaum noch erwähnt. Dazu muss kein einziger Journalist etwas gegen Israel haben, das sind einfach „old news“.
Darauf können sich insbesondere diejenigen abstützen, die keine deutschen Großväter haben, wenn sie ihren Antisemitismus auf die Straße tragen. Sie können sich bestätigt fühlen von der heimlichen Bewunderung jener, die nur nach einem „Ja, aber…“ etwas gegen Juden äußern können*.
Mit dieser gar nicht so heimlichen Unterstützung im Rücken können sie den konformistischen Rebellen geben: Gegen eine Gesellschaft, die in der Schule zu Auschwitz noch etwas zu lehren versucht und für die gleiche Gesellschaft, die sich das selbst nicht mehr glauben kann oder will.

Insbesondere für Göttingen ist festzuhalten, wie schwierig und gleichzeitig notwendig es in Zukunft sein wird, einen Zugang zur Polizei zu finden, auf den Juden und alle, die dafür gehalten werden können, verstärkt angewiesen sein werden. Dass jedenfalls auf die linke Szene nichts zu geben ist, hat sich mehr als deutlich gezeigt.
Zwar gibt es einige Antinationale, die sich im Zweifelsfall durchaus gegen Antisemiten positionieren. Es ist aber auch klar, dass diese Entscheidung solange nicht gesucht wird, wie es nicht um einen erklärten Angriff auf Juden geht, sondern um einen auf den Staat Israel, den man entgegen aller Erfahrung vom Judentum getrennt auffassen will.
Es entbehrt überhaupt nicht einer gewissen Ironie, wohin die Ablehnung des Staates in radikaler Intention hier treibt, insbesondere in der Verweigerung einer taktischen Akzeptanz der Polizei. Man schließt sich ein in das Gefängnis „linke Szene“, in dem die Polizei, hier quasi als Wächter, einen nicht schützen will und, weil man sich weigert, Kommunikation mit ihr auch nur in Betracht zu ziehen, auch nicht muss. Dabei wird nicht einmal mehr die Kraft gefunden, die Übertretungen antiimperialistischer Hooligans einzudämmen. Und so wird sich diesen Mitgefangenen ausgeliefert, die gleichzeitig mit Gewalt drohen und Solidarität einfordern.
Der Versuch, die Polizei vermittels der Öffentlichkeit zu zwingen, ihrem Auftrag im Sinne der Staatsraison nachzukommen, ist demgegenüber die einzige Möglichkeit. Freilich wird auch hier wenig Entgegenkommen zu erwarten sein, Illusionen darüber musste spätestens die Gleichbehandlung des antisemitischen Mobs mit Fußballfans beseitigen.

Es bleibt darauf hinzuweisen, dass in der sich selbst immer weiter in den Irrsinn treibenden Gesellschaft auch die berechtigte Erregung einen Beitrag zum rasenden Stillstand darstellen kann. Sicher ist Göttingen wie ganz Deutschland wieder etwas unsicherer für Juden geworden, und ist ein Skandal, dass die unsägliche Parole vom Kindermord nun Eingang in das Sammelsurium der vermeintlich legitimen öffentlichen Meinung gefunden hat. Aber so wie Israel diesen Krieg mit Sicherheit übersteht, wird auch der antisemitische Mob seine Mobilisierung ins Nichts nicht dauerhaft aufrecht halten können. Und so sehr die allzu bemühten Friedensparolen auf eine Mehrheit in der Bevölkerung schielen – diese ist nicht gegeben, auch wenn der Widerspruch widerlich gering bleibt. Das ist kein Grund zur Entwarnung, aber doch dazu, Ruhe zu bewahren. Je mehr das gelingt, umso leichter wird die notwendig nachträgliche kritische Reflektion auf das jetzt noch Geschehende fallen.

*: Der Begriff des Ja-Aber-Antisemitismus stammt von Detlev Claussen, aus dem Buch „Grenzen der Aufklärung“

Wo war eigentlich die linke Szene?

Um es gleich vorweg zu nehmen: in diesem Text geht es natürlich nicht um die Verunglimpfung derjenigen, die sich einer linken Szene zuordnen mögen und die trotz des Risikos, ihre körperliche Unversehrtheit einzubüßen, gegen die antisemitischen Pro-Palästina-Manifestationen auftraten. Dieser Text wendet sich an die zahlreichen Göttinger Stadtgruppen, die sich allesamt in ihren Selbstverständnissen gegen Antisemitismus, aber auch gegen Patriarchat und Chauvinismus, aussprechen. Wie viele Aufrufe, sich dem Mob entgegen zu stellen, kamen von diesen Gruppen? Kein Einziger.
Es ist paradox. Bei jedem Naziaufmarsch im Harzer Hinterland wird wochenlang Sturm geläutet und die Aufregung – sei es auch nur jene darüber, sich für einen gewissen Zeitraum endlich wieder etwas zu tun zu geben – ist allgegenwärtig. Beim peinlichen Stelldichein der letzten Trümmer der akademischen Rechten Europas werden in Göttingen Busse beladen und man nimmt stundenlange Fahrten nach Wien auf sich. Auch wenn man den Stadtgruppen die Berechtigung zu diesen Aktionen nicht einmal absprechen möchte, so fragt man sich reflexhaft: Warum bekommt man es nicht zu Stande, auch nur ein Wort der Skandalisierung aufs Papier zu bringen, geschweige denn einen Fuß vor die eigene Haustür zu setzen, wenn vor eben dieser eine aggressive, misogyne Männerhorde, die aus ihrem offenen Antisemitismus keinen Hehl macht, ihr Unwesen treibt?
Wo die einen, die sonst um drastische Worte nie verlegen sind, in Apathie verharren, da reihen sich die Antiimperialisten brav in den antisemitischen Mob ein und attackieren die Freunde Israels.
Über „Gründe“ dieses Nicht-Verhaltens der Stadtgruppen aus der linken Szene zu spekulieren, lenkt in erster Linie davon ab, dass es nicht darum geht, welche Ausreden sich diese dazu einfallen lassen mögen. Es geht primär darum, dass ihre derzeitige Tatenlosigkeit ein Desaster ist. Über den Charakter der pro-palästinensischen Veranstaltungen sollte man sich zumindest nicht erst seit den Ausschreitungen in Göttingen gewahr sein, an Eindrücken aus anderen Städten mangelte es auch im Voraus nicht. Die Linke blendet aber nicht nur die Bedrohung Israels durch den weltweiten Antisemitismus aus – ihre intellektuelle Bankrotterklärung – auch die akut gesteigerte Bedrohung für die Juden in Europa, die über die derzeitige „Gaza-Krise“ hinaus weist, veranlasst sie zu keiner Solidarität mit ihnen. Wenn Molotowcocktails auf Synagogen geworfen werden, wenn Juden auf offener Straße keine Kippa tragen können, da sie sich dann vor Angriffen fürchten müssen und die Linke sich dennoch heraus hält, begräbt sie ihren antifaschistischen Anspruch.
Woher sie im Einzelnen auch kommen mag, die Stille, die einen aus der linken Szene Göttingens anschreit, tritt immer dann auf, wenn dieser die eigenen Probleme und Widersprüche offenbar werden und sich dem Bewusstsein aufdrängen. Man verfällt in eine Schockstarre, die so lange anhält, bis diese Probleme fürs Erste wieder vergessen sind und man nicht weiter damit behelligt wird. Der Jubelpalästinenser, der sich in seinen Äußerungen von einem Neo-Nazi kaum und in seinem Ansinnen von diesem überhaupt nicht unterscheidet, dem man aber im Unterschied zu diesem nichts entgegen setzt, wird schon wieder verschwinden. Man muss nur lange genug Ohren, Augen und Münder geschlossen halten und der ganze Trubel wird schon vorbeiziehen, so dass man sich wieder vom unerträglich drögen Konformismus und der lähmenden, gleichzeitig verlogenen, Harmonie dieser Szene einlullen lassen kann.
Wäre man es nicht anders gewohnt, wäre man doch glatt vom Umstand verblüfft, dass die linksdeutschen Jungmänner aus Göttingen, die sich an Demonstrationen beteiligten, auf denen judenfeindliche Parolen skandiert wurden, zwar vereinzelt Ablehnung erfahren, weiterführende Konsequenzen jedoch ausbleiben. Würde sich die linke Szene ernst nehmen, müssten sich die Konsequenzen nur in Form des umfassenden Ausschlusses dieser Linken und ihrer Gruppen, die sich natürlich nicht von ihren Mitgliedern distanzierten, aus allen linken Zusammenhängen, äußern. So zu tun, als ob nichts gewesen wäre, ist die bequemere Verhaltensweise – gerade wenn man mit den Problemen sprichwörtlich Tür an Tür wohnt, sie einem ständig auf der Straße oder in der Kneipe begegnen. Bislang scheint sich nichts Anderes zu ergeben.